Medienanstalt Berlin Brandenburg


Hauptcontent

DAB

Schriftliche Stellungnahme zur Vorbereitung der DAB-Anhörung des Medienausschusses des Landtages NRW am 21. Januar 2005

Die Zukunft des digitalen Radios wird primär durch den Markt bestimmt, und nicht durch die Technik oder die Politik – it´s the economy!

Bei der Liste der Anzuhörenden fällt mir auf, dass zwar viele Institutionen und Verbände zu Wort kommen, dass aber diejenigen nur unzureichend repräsentiert sind, von denen der Erfolg des digitalen Radios abhängt (das nicht mit DAB gleichzusetzen ist): Die Verbraucher und die Unternehmen, die bereit und in der Lage sind, in neue attraktive Angebote zu investieren.

Auf die Verbraucher kommt es an

Jede Digitalisierung bedeutet, dass der Verbraucher ein neues Gerät braucht. Mit analogen Geräten kann man digitale Angebote nicht empfangen.

Da es nicht Aufgabe des Staates sein kann, Endgeräte zu finanzieren, muss der Verbraucher diese Geräte kaufen. Bei entgeltlichen Angeboten können Anbieter Geräte „verschenken“, refinanzieren sie aber aus den Abonnement- und Telefonentgelten, zum Beispiel Handys und Set-Top-Boxen für Pay-TV-Angebote.

Beim Radio, das nun einmal ein typisches freies Angebot ist, muss der Verbraucher wie bei DVB-T-Boxen den vollen Preis bezahlen, und das tut er nur, wenn er einen entsprechenden Mehrwert sieht.

Der Mehrwert bei Radio wie bei DVB-T liegt in Programmen und in der Empfangsqualität. Keine Digitalisierung ist ohne einen solchen Mehrwert gelungen. DAB, wie es bis heute realisiert ist, krankt ganz einfach daran, dass es in der Regel weniger Programme gibt und innerhalb von Häusern eine schlechtere Empfangsqualität als über UKW. Und noch so viele politische Erklärungen und Bekenntnisse ersetzen nicht den Mehrwert für den Verbraucher, auch nicht der Hinweis, dass die Probleme gar nicht an DAB lägen, und dass DAB in Zukunft noch viel mehr könne. Die Verbraucher kaufen ein Gerät, weil es ihnen heute nutzt, und nicht wegen der Interessen von Politik oder Verbänden oder wegen der Vision zukünftiger Nutzungen.

Anreiz für Veranstalter, attraktive Programme zu bieten

Der Wert eines Gerätes für den Verbraucher definiert sich dadurch, was er darüber empfangen kann. Nachdem man DAB, das ursprünglich mit Begleit- und Zusatzdiensten angetreten war, inzwischen fast auf reines Radio reduziert hat, kommt es auf zusätzliche Radioprogramme an. Damit hat man in Großbritannien einen relativen Erfolg, weil es viel mehr Programme als über UKW gibt, sowohl von der BBC als auch von privaten Unternehmen. Aber dort gibt es auch die Voraussetzungen, dass Veranstalter in diese Programme investieren. Bei uns ist das anders.

Öffentlich-rechtliche Anstalten

Die bisherigen Strukturen des öffentlich-rechtlichen Radios machen es wesentlich schwerer als bei der BBC, neue attraktive Programme zu entwickeln. Die BBC ist die einzige öffentlich-rechtliche Anstalt in Großbritannien, und sie bietet analog wesentlich weniger Programme als die ARD-Anstalten.

In der Vergangenheit haben die ARD-Anstalten durch Gebührenerhöhungen jeweils die Mittel bekommen, neue attraktive Programme zu veranstalten. Da wir nun aber schon so viele öffentlich-rechtliche Radioprogramme haben, ist es natürlich schwerer, noch mehr Geld für DAB-Programme zu bewilligen. KEF und Politik haben das abgelehnt.

Wenn man den Mut hätte, an die bisherigen ARD-Strukturen heranzugehen, könnte man zusätzliche DAB-Programme ohne Gebührenerhöhung finanzieren. Warum kommt der rbb für sieben Radio-Programme über UKW mit so viel weniger Geld aus als der WDR mit sechs? Wie viel könnte man sparen, wenn nicht jede ARD-Anstalt fast alles selber machen würde?

Aber selbst wenn die Voraussetzungen für zusätzliche öffentlich-rechtliche Programme geschaffen würden, würde dies nicht ausreichen.

Anreiz für private Veranstalter?

Wir brauchen auch die privaten Veranstalter. Für den Verbraucher gibt es wenig An-reiz, Geräte zu kaufen, mit denen man nur öffentlich-rechtliche Programme empfangen kann. Wie bei DVB-T sind die Privaten damit der Schlüssel zur digitalen Entwicklung. Bei der Entwicklung des digitalen Kabels sehen wir, dass zusätzliche öffentlich-rechtliche digitale Programme nicht ausreichen, den Verbraucher zu überzeugen, wenn die großen privaten Veranstalter fehlen.

Die Politik hat viel weniger Einfluss auf die privaten Veranstalter als auf die öffentlich-rechtlichen. Private Veranstalter finanzieren sich am Markt, und sie können es sich nicht leisten, der Politik zuliebe Programme anzubieten, die sich nicht rechnen.

Warum soll nun ein privates Unternehmen in DAB investieren? Diejenigen, die schon über UKW senden, können 100 % der Bevölkerung erreichen, und haben mit DAB nur zusätzliche Kosten, ohne einen Cent mehr verdienen zu können. Bei der bestehenden Frequenzausstattung gibt es keine Chancen, zusätzliche Hörer zu erreichen, im Gegenteil: Die Verbreitungsgebiete der heutigen DAB-Netze sind kleiner als die über UKW versorgten Gebiete.

Noch schlechter ist dran, wer ein neues Programm bieten will: Obwohl die Voraussetzungen an sich im digitalen Kabel besser sind (dort gibt es immerhin über 10 % digitale Haushalte), versucht dort niemand, ein rein werbefinanziertes Programm zu starten. Wie soll das gehen, wenn analoge Konkurrenten über 90 % der Haushalte erreichen? Die zusätzlichen digitalen Privatprogramme sind ausschließlich solche, die als Pay-Programme innerhalb von Bouquets angeboten werden. Beim Radio gibt es derzeit eine solche Chance nicht, und die Schere zwischen Analog und Digital ist noch größer: Hundert Prozent analog zu einigen Promille digital.

Selbst in Großbritannien rechnen DAB-Veranstalter noch auf längere Sicht mit Verlusten, obwohl es dort immerhin 2 % DAB-Haushalte gibt und weit über 50 % mit digitalem Fernsehen, mit Set-Boxen, die, anders als bei uns, auch über DVB-T Radioprogramme empfangen können. Vorangebracht wird die Entwicklung von kapitalkräftigen, national tätigen Unternehmen. Die Konzentration der Radioindustrie ist viel weiter fortgeschritten als bei uns. Es gibt immerhin die Möglichkeit, mit Investitionen zusätzliche Marktanteile zu erzielen. Bei uns gibt es diesen Anreiz nicht.

DVB-T wäre genauso gescheitert, wenn man es so wie DAB gestartet hätte

Bei DVB-T hätten wir dieselben Probleme bekommen, wenn wir so vorgegangen wären, wie es heute noch bei DAB gemacht wird, oder wenn wir den britischen Ansatz bei DVB-T übernommen hätten.

Selbst so potente Unternehmen wie RTL und ProSiebenSat.1 wären nie bereit gewesen, neben der Fortführung der analogen Übertragung auch noch digitale Kanäle zu bezahlen. DVB-T funktioniert nur dort, wo die privaten Veranstalter analoge Frequenzen aufgeben und daher Einsparungen durch Abschaltung erzielen. Weil wir abgeschaltet und damit die Frequenzen für digitale Nutzung frei gemacht haben, haben wir auch eine bessere Empfangsqualität und die Möglichkeit für mehr Programme. Bei DAB aber ist die Abschaltung von UKW auf absehbare Zeit keine realistische Option.

Im Kabel gibt es RTL, ProSieben und SAT.1 bis heute nicht digital. Die Kabelnetzbetreiber sind längst davon abgekommen, von den privaten Veranstaltern auch noch Geld für die digitale Übertragung zu verlangen, die Diskussion geht eher darum, was die Kabelnetzbetreiber an die Programmveranstalter bezahlen. Warum soll es bei DAB einen Anreiz für einen privaten Veranstalter geben, nicht nur die analoge, sondern auch noch die digitale Übertragung zu bezahlen?

Die Kosten, einen DAB-Hörer zu erreichen, sind zum Beispiel in Berlin-Brandenburg mehr als hundert Mal so hoch wie über UKW. Die Werbewirtschaft aber gibt für einen digitalen Hörer nicht mehr als für einen analogen, im Gegenteil: Die großen Sender werden gebucht, nicht die mit den Mini-Reichweiten bei DAB.

Motive privater Veranstalter, sich an DAB zu beteiligen

Ich habe noch keinen einzigen privaten Veranstalter in der Bundesrepublik getroffen, für den DAB mit dem klassischen Geschäftsmodell Sinn macht, Radio aus Werbung zu finanzieren.

Natürlich gibt es eine Reihe anderer Motive, aus denen sich DAB für einen Veranstalter lohnen kann: Wenn Sie dafür eine UKW-Frequenz erhalten, wenn Ihre Landesmedienanstalt bei der Aufsicht entsprechend großzügig ist, oder wenn Sie jedenfalls Plätze besetzen können, die sonst womöglich ein Konkurrent einnehmen würde, dann macht es durchaus Sinn, sich an DAB zu beteiligen.

Allerdings werden vernünftige Unternehmer darauf achten, dies möglichst kosten-günstig zu tun, mit computergenerierten Musikprogrammen. Weil es auf die Attraktivität beim Hörer letztlich nicht ankommt, braucht man sich nicht zu wundern, dass diese Programme bisher zur Attraktivität von DAB wenig beigetragen haben.

Dem neuesten Bericht der britischen Regulierungsbehörde Ofcom zur DAB-Entwicklung habe ich entnommen, dass Deutschland mit über 50 neuen, nur über DAB empfangbaren Radioprogrammen Weltspitze ist. Wahrscheinlich sind dabei die zwei Multiplexe mitgerechnet, die wir zeitweise aus London in Berlin übernommen haben. Aber Sie sehen, auch das hat nichts genützt.

Die Weiterführung von DAB in der jetzigen Form lässt erwarten, dass sich an der beschriebenen Situation nichts ändert. Daran kann man durchaus ein berechtigtes Interesse haben. Die Politik aber muss fragen, ob das auch ihr Interesse ist. Damit kommen wir zum Verhältnis von Staat und Markt.

DAB ist ein Kind staatlicher Planung, nicht des Marktes

DAB gehört wie der TV Sat und D2 Mac zu den Technologie-Förderungsvorhaben der 80er Jahre, die mit Milliarden aus europäischen und deutschen Forschungsgeldern unterstützt worden sind. Hauptziel war damals die Förderung der europäischen Geräteindustrie gegenüber Fernost. Dieses Ziel ist verfehlt worden. Für DAB gibt es zwar noch Autoradios aus Deutschland. In Großbritannien, wo es ein attraktiveres DAB-Angebot gibt, steigt aber nicht der Umsatz von Autoradios, sondern der der portablen und Küchenradios aus Korea. Korea entwickelt den DAB-Standard fort, nicht Europa. Wenn es um die Geräte ginge, müsste sich die Politik mehr um digitale Videorecorder und iPods kümmern, mit denen eine viel höhere Wertschöpfung erzielt wird als mit DAB-Radios.

Eigentlich sollte uns die Geschichte des TV-Sat eine Lehre sein. Die Länder haben damals die Entwicklung voranbringen wollen, und gleichzeitig die Kanäle auf den Satelliten unter sich aufgeteilt. Manche von ihnen kennen noch die Westschiene, aus der dann VOX hervorgegangen ist. Die reale Entwicklung war eine ganz andere: TV-Sat hat nicht funktioniert, aber wir haben sehr erfolgreiches Satellitenfernsehen über ASTRA, ohne jede Beteiligung der deutschen Politik und ohne jede deutsche Regulierung. Es war einfach so, dass ein besseres technisches System kam, und es sich am Markt durchgesetzt hat.

Bei der Entwicklung des Radios hatten die Länder einen großen Gestaltungsspiel-raum, anders als beim Fernsehen ist es ihnen auch gelungen, eine lebendige, regional durchaus unterschiedliche Struktur zu entwickeln. Die Länder hatten auch einmal einen großen Einfluss auf das Kabel, als sie noch die Kabelzentralen aus Rundfunkgebühren finanziert haben. Die Vergabe von Hörfunkfrequenzen ist nach wie vor eine der zentralen Aufgaben der Landesmedienanstalten.

Wenn nun zu recht gesagt wird, dass auch das Radio digital werden wird, wie begründet ist dann die Erwartung, dass das digitale Radio ebenso den Einflüssen der Länder und der Landesmedienanstalten zugänglich sein wird wie das analoge? Was passiert, wenn die Digitalisierung bisherige Knappheiten überwindet, können sie gut im Fernsehen sehen: Wie Kabelnetze ausgebaut werden, und welche digitalen Fernsehprogramme es gibt, darauf haben die Länder und Landesmedienanstalten wenig Einfluss. Sie können noch Mindestbestimmungen des Konzentrationsrechts durchsetzen, wesentliche Strukturen werden mehr von den Kartellbehörden geprägt als von der Mediengesetzgebung.

Warum soll gerade beim Radio, einem wirtschaftlichen nicht besonders starken Medium, auf längere Sicht eine staatliche Planung möglich sein, die bei dem großen Medium Fernsehen, dem Internet und den Telekommunikationsnetzen schon gar nicht mehr versucht wird?

Meine These ist umgekehrt, dass Länder und Landesmedienanstalten die nach wie vor legitimen öffentlichen Interessen umso besser durchsetzen können, je mehr sie über das Funktionieren des Marktes wissen, und je stärker sie sich auf ihre Ziele konzentrieren. Lerner wir aus den Erfahrungen mit dem Kabel. Da hat sich die Politik bei der Privatisierung zu wenig um die Rahmenbedingungen gekümmert, und nun ist es praktisch Finanzinvestoren überlassen, was aus dem Kabel wird. Eine der wichtigsten Infrastrukturen der Informationsgesellschaft ist dem Einfluss der Politik weitgehend entzogen, weil sie nicht rechtzeitig gehandelt hat.

Medienwirtschaftlich ist der Ausbau des Breitband-Internet über Kabel nach wie vor eine Frage, die öffentliche Interessen weit mehr berührt als DAB. Bei DAB muss sich die Politik selbst eine Frage stellen:

Meine Frage an Sie ist: Welche politischen Ziele verfolgen Sie mit DAB?

Die erfolgreichsten digitalen Entwicklungen der Kommunikationsindustrie, die Mobiltelefonie und das Internet, sind entstanden, weil sich der Staat auf die Gewährleistung offener Standards beschränkt und nicht versucht hat, etwa Nutzungen wie SMS oder das Herunterladen von Klingeltönen zu planen. Er wäre nie darauf gekommen. Wir brauchen keine runden Tische und Initiativen zur Verbreitung der digitalen Fotografie oder der MP 3-Player und iPods.

Ist der Staat wirklich klüger als der Markt, wenn er DAB nachzuhelfen versucht? Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, den Verbraucher interessiert zunächst einmal nicht, ob er analog oder digital telefoniert, fernsieht oder Radio hört.

Vergleichen sie DVB-T mit DAB: Die wesentlichen Gründe, die für DVB-T aus politischer Sicht sprechen, gibt es bei DAB nicht. Bei DVB-T haben wir den Verbraucher darüber entscheiden lassen, ob er weiter einen dritten Übertragungsweg haben will, neben Kabel und Satellit. Und der Verbraucher hat Ja gesagt.

Mit der Abschaltung des analogen Antennenfernsehens haben wir auch Frequenzspektrum freigemacht, viel mehr als Radio je nutzen wird, und damit das Potential geöffnet, neue Entwicklungen anzustoßen.

Wenn wir nichts getan hätten, wäre die Auswahl des Verbrauchers eingeengt worden; und daher haben wir auch die unangenehme Botschaft des Abschaltens vermitteln können. Das ging nur zusammen mit den öffentlich-rechtlichen und privaten Veranstaltern, aber die hatten auch das Eigeninteresse, dass ein dritter Übertragungsweg erhalten bleibt, um ihre Verhandlungsposition gegenüber den Kabelnetzbetreibern zu stärken. Außerdem können die etablierten Veranstalter bei DVB-T höhere Marktanteile erwarten als bei Kabel und Satellit.

Bei DAB ist das anders: UKW ist nicht vom Aussterben bedroht, sondern nach wie vor sehr erfolgreich. Niemand braucht das UKW-Frequenzspektrum für andere Nutzungen. Und die Verbraucher zeigen mit ihrem Verhalten nur mehr als deutlich, dass sie DAB nicht überzeugt.

Medienwirtschaftlich können Sie von dem bisherigen DAB-Ansatz (und damit meine ich die technischen, wirtschaftlichen und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen) wenig erwarten: Woher sollen Arbeitsplätze kommen, so lange das Frequenzspektrum bei dem bisherigen Kodierungsverfahren nicht einmal ausreicht, das heutige Programmangebot darzustellen, so lange es keine neuen Finanzierungsmöglichkeiten außer der Werbe- und Gebührenfinanzierung gibt?

Daher schlagen wir einen neuen Ansatz für DAB vor, mit neuen Kodierungsverfahren und effizienterer Frequenznutzung, der Verbindung mit anderen Multimedia-Angeboten und der Möglichkeit für neue Geschäftsmodelle. Aber das braucht seine Zeit, und wird umso schwieriger, je länger man am bisherigen Ansatz festhält.

Möglichkeiten der Politik zur Förderung von DAB

Sie haben als Politiker zwei wesentliche Mittel, mit denen Sie versuchen können, DAB voranzubringen, und beide sind in den Thesen der LfM zu DAB angesprochen:

Sie geben öffentliches Geld aus, um eine am Markt nicht erfolgreiche Entwicklung zu unterstützen. Das ist durchaus ein legitimes und in manchen Zusammenhängen erfolgreiches Mittel. Aber so viel Geld, wie Sie bräuchten, um DAB mit dem bisherigen Ansatz nach vorne zu bringen, können Sie den Bürgern nicht abverlangen. Vor allem können Sie mit Geld das größte Problem nicht lösen: Dass es bisher gar nicht genügend Platz gibt, um zusätzliche attraktive Programme zu verbreiten.

So bleibt das Andere: Den Bürgern und Veranstaltern UKW zu nehmen, um sie zum digitalen Radio zu drängen. Ich habe eine persönliche Verantwortung für die erste Abschaltung des analogen Antennenfernsehens übernommen, obwohl gerade Politiker einen Volksaufstand vorhergesehen haben. Außerhalb Deutschlands traut sich die Politik bis heute nicht, das analoge Antennenfernsehen abzuschalten. Aber ich wusste, dass ich den Bürgern erklären kann, warum wir das tun.

Sie werden den Bürgern aber nicht erklären können, aus welchem Grund Sie ihnen UKW wegnehmen, und die Veranstalter werden nicht kampflos auf eine einzige UKW-Frequenz verzichten. Und da die Verbraucher auch Wähler sind, wird sich niemand trauen, eine UKW-Frequenz abzuschalten.

Sie müssen also Rahmenbedingungen schaffen, dass es mehr Radioprogramme in Nordrhein-Westfalen gibt. Mit dem bisherigen DAB geht es nicht, und daher schlagen wir bundesweit und auch für Europa einen neuen Ansatz vor, der auf demselben Frequenzspektrum ein Vielfaches an Programmen möglich macht.

Auch das hat eine negative Seite: Mit den bisherigen Geräten ist das nicht zu empfangen. Aber vernünftigen Bürgern könnte man das erklären.

Das führt mich zu der eigentlichen politischen Frage, die Sie zu beantworten haben: Digitales Radio geht nur mit mehr Programmen. Wollen Sie das wirklich?

Wie geht es mit Radio in Nordrhein-Westfalen weiter?

NRW ist bisher das Gegenmodell zu Berlin-Brandenburg, wo wir den Radio-Wettbewerb geöffnet haben, für in- und ausländische Investoren. Sie haben ein Modell, das auf die etablierten Kräfte des Landes setzt, die dabei auch noch kooperieren. Der Preis dafür ist, dass Sie weit unterdurchschnittliche Umsätze in der Radiowerbung haben, also das Potential des Radios nicht nutzen.

Für die bisherigen etablierten Spieler gilt natürlich dasselbe, wie für alle starken Unternehmen der analogen Welt: An einer Digitalisierung, die mehr Wettbewerb bringt, haben sie wenig Interesse. DAB in der bisherigen Form ist für die Etablierten gerade deshalb gut, weil es keine Änderungen bringt. Die großen privaten Veranstalter in den meisten Bundesländern müssen sich nicht einmal an DAB beteiligen, um den Platz zu besetzen. In Berlin hatten wir zunächst fast eine Abbildung des UKW-Spektrums erreicht, aber dann haben – trotz weiter bestehender Förderungszusage der mabb – alle privaten Veranstalter bis auf einen ihre Lizenzen zurückgegeben. In Niedersachsen haben sich die Privaten auf ein Gemeinschaftsprogramm verständigt, das nun auch eingestellt werden soll. Dahinter steckt natürlich die klare Einschätzung, dass auch andere aus DAB nichts machen werden.

Nun kommen Investitionen in neue Technologien normalerweise auch nicht von denjenigen, die bei etablierten Anwendungen marktführend sind. Das alte Beispiel ist nach wie vor aktuell: Es waren nicht die Postmeister, die die Eisenbahn vorangetrieben haben.

Die Digitalisierung hat große Wachstumspotentiale, gerade wenn sie bisherige Grenzen überwindet, die Trennung zwischen Radio und Fernsehen, zwischen Musikindustrie und Radio. Wen Sie diese Chancen nutzen wollen, dann dürfen Sie mit DAB nicht so weitermachen wie bisher. Schon heute ist klar, dass es effizientere Technologien gibt, mit denen Sie mehr Radioprogramme zu wesentlich günstigeren Kosten übertragen können. Im Internet und über DSL werden sie schon eingesetzt, weil es dort auf Effizienz mehr ankommt als im klassischen Rundfunkbereich.

Das geht auch mit DAB: Es ist ein Übertragungsverfahren, das nach wie vor aktuell ist, es ist aber mit einem veralteten Kodierungsverfahren verbunden. Die iPods und MP 3-Player wären am Markt nicht so erfolgreich, wenn sie mit diesem alten Verfahren arbeiten würden.

Eine Patentlösung sind natürlich auch neue Kodierungsverfahren nicht: Sie ersetzen nicht die Unterstützung durch die Veranstalter, das öffentlich-rechtliche wie private Zusatzangebot.

In Nordrhein-Westfalen ist es noch am einfachsten, weil es hier noch die größten Wachstumschancen für zusätzliche Radioveranstalter gibt. Sonst müssen wir der Gattung Radio zusätzliche Einnahmemöglichkeiten verschaffen, und das geht nur mit neuen bundesweiten Verbreitungsmöglichkeiten für Formate, die sich allein regional nicht finanzieren lassen.

Mein Vorschlag ist, zunächst einmal mit einer fundierten Analyse der Situation und den Perspektiven des Radios in der Bundesrepublik anzufangen. Dazu gibt es schon sehr intelligente Beiträge. Die Politik hat sich damit aber kaum beschäftigt.

Nordrhein-Westfalen könnte von der Öffnung des Marktes profitieren

Das ursprüngliche politische Planungsmodell für bundesweites Fernsehen sah eine Beschränkung der Kanäle und eine Aufteilung auf die Länder vor. SAT.1 hatte seinen Sitz im Süden, RTL nahm einen Sitz in Niedersachsen, und für Nordrhein-Westfalen war das vorgesehen, was dann VOX hieß. Mehr Kanäle gab es in der politischen Planung erst einmal nicht, die dann durch Astra und die Entwicklung des Kabels über-holt worden ist.

Nordrhein-Westfalen hat von dieser Öffnung besonders profitiert, gerade durch Anbieter, die im ersten Modell keine Chance gehabt hätten.

Wenn Sie mehr Radio wollen, fangen Sie analog an!

Einer der großen Erfolge der nordrhein-westfälischen Standortpolitik ist QVC, mit hunderten zusätzlicher Arbeitsplätze. Ich erinnere mich noch gut, dass dieses Projekt als digitaler Versuch ausgegeben wurde, aber man war damals klug genug, unter diesem Deckmantel etwas ganz anderes zu machen, nämlich analoge Verbreitungsmöglichkeiten zu bieten. Und die wurden zur Grundlage des Erfolges von QVC. Mit der digitalen Verbreitung ist es bis heute nicht weit her.

Auch beim Radio kämen Sie in den nächsten Jahren mit UKW viel schneller voran als mit Digitalradio.

Helmut G. Bauer hat das im Radio-Weißbuch für die LfM in zwei Thesen zusammengefasst: Programmvielfalt braucht Frequenzen, und Frequenzen brauchen Mut.

Der Sendernetzbetrieb als Anstoß zur Reform

Sie können die Radioentwicklung schon vor der Digitalisierung wesentlich voran-bringen, wenn Sie den Sendernetzbetrieb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks privatisierten, dem WDR seine legitime Verbreitung sicherten, es aber dem neuen Betreiber nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten überließen, wie er die Frequenzen einsetzt. Sie würden staunen, wie viel zusätzliche UKW-Sendemöglichkeiten in Nordrhein-Westfalen entstünden. Wenn man sowohl Programmveranstalter ist als auch Sendernetze betreibt, dann hat man das verständliche Interesse, Frequenzen so zu besetzen, dass es möglichst wenig Konkurrenz gibt. Nur ist die Frage, ob man das politisch will, und zumindest Europa wird auch einmal fragen, wie lange das noch rechtlich zulässig ist.

Chancen für Deutschland: Vorreiter, nicht Nachahmer

Dass wir mit DAB bisher keinen Erfolg gehabt haben, können wir zum Vorteil machen, so wie wir zwar bei DVB-T weit nach Großbritannien gestartet sind, dafür aber als erste das analoge Antennenfernsehen abgeschaltet haben. Wir können als erste moderne Kodierungsverfahren für Radioübertragung einführen, und die Grundlage für die Verbindung von Radio und Mobilfunk sowie sonstigen Multimedia-Angeboten legen.

Deutschland ist der führende Markt in Europa. DAB funktioniert bisher mit Schwierigkeiten in Großbritannien und Dänemark, und sonst nirgendwo. Wir haben die Chance, einen moderneren Weg zu gehen, und wir müssen nicht darauf warten, dass Korea uns den Weg weist.

Sie können nicht gegen den Markt regieren, aber Sie haben die Chance, Anreize für Investitionen zu schaffen, oder Sie können die bisherige Landschaft zu bewahren versuchen. Aber selbst wenn Sie nichts tun, wird die Digitalisierung des Radios kommen, wenn auch, davon bin ich überzeugt, nicht nach dem bisherigen Modell.

Ein heute schon möglicher Anstoß für digitales Radio: Nutzen Sie DVB-T!

Fast jede digitale Set-Top-Box für Digitalfernsehen, ob über Kabel, Satellit oder bei DVB-T, kann auch Radioprogramme empfangen. Im Kabel und über Satellit wird es genutzt, bei DVB-T noch nicht, insbesondere weil die Sendernetzbetreiber keine Konkurrenz zu DAB haben wollen. Dabei zeigt das britische Beispiel, wie gut sich beides unterstützen kann.

Wir haben in Deutschland bald 1,5 Mio. Set-Top-Boxen für DVB-T. Nach britischen Erfahrungen nutzen ca. 40 % der TV-Haushalte ihre Set-Top-Boxen auch für Radio. Damit hätten wir ein Potential für digitales Radio, mit für die Veranstalter verschwindend geringen Kosten, vergleicht man sie mit DAB.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das ist kein Ersatz für das, was DAB leisten sollte. Bei DVB-T geht es um den Empfang zu Hause, und mit portablen Geräten. Die Mobilität mit kleinen, batteriegetriebenen Geräten wird erst DVB-H bieten. Wir bauen in Berlin den ersten leistungsstarken Sender dafür auf, und bei der technischen Erprobung geht es natürlich auch um Radio.

Wir sind auch bereit, die Erprobung einer Fortentwicklung von DAB zu ermöglichen. Nur gibt es dafür leider bisher keinen verbindlichen Standard, und die Namen stiften eher Verwirrung, von DMB bis zu DXB. Ich hoffe, dass wir einen Anstoß zur Fortentwicklung von DAB gegeben haben. Natürlich müssen wir das mit der Kommunikation an den Verbraucher verbinden, dass er Fortentwicklungen mit den heute angebotenen Geräten nicht wird empfangen können.

Ich hoffe, dass wir zur Internationalen Funkausstellung im Herbst dieses Jahres zeigen können, welche Chancen sich mit neuen Ansätzen für das Radio verbinden. Vielleicht machen wir es wie bei DVB-T: Wir in Berlin-Brandenburg fangen an, und Sie in Nordrhein-Westfalen sorgen dann für den wirtschaftlichen Durchbruch.

Pressemitteilung vom 03.02.2012

Vergabeverfahren über die ausgeschriebene UKW-Hörfunkfrequenz 106,0 MHz in Berlin

Lesen

Pressemitteilung vom 26.01.2012

MIZ-Babelsberg unter neuer Leitung

Volker Bach, der Leiter von ALEX – Offener Kanal Berlin und Anka Heinze, Bereichsleitung Medienkompetenz und Digitale Projekte der mabb, leiten das MIZ Babelsberg ab sofort gemeinsam.

Lesen

Pressemitteilung vom 19.01.2012

UKW-Vergabeverfahren - vierzehn Antragsteller, davon zwölf für die UKW-Hörfunkfrequenz 106,0 MHz in Berlin

Lesen

Internet-ABC-Schulungen für Grundschullehrer_innen

Die mabb vermittelt kostenlos qualifizierte Referent_innen an Berliner und Brandenburger Grundschulen, die Lehrer_innen  speziell das Angebot des Internet-ABC vorstellen und Tipps zur Umsetzung von Medienprojekten geben. Die 90-minütige Schulung umfasst: + Medienbildung in der Schule (Lehrpläne, Richtlinien)+ Die kindliche Lebens-(Medien-) Wirklichkeit + Chancen und Risiken im Internet + Vorstellung / Materialien des Internet -ABCs + Einsatz des Internet-ABCs im Schulalltag + Methodische Anregungen/Praktischer Einsatz

Kontakt: medienkompetenz@mabb.de.

 

Lesen

Jetzt KlickSafe-Materialien kostenlos bestellen!

"Knowhow für junge User: Materialien für den Unterricht": Das Benutzerhandbuch für Lehrer, Pädagogen, Erzieher und Eltern sowie die erweiternden Module zu den Themen "Was tun bei Cyber-Mobbing?", "Social Communities - Ein Leben im Verzeichnis" und "Ich bin öffentlich ganz privat -Datenschutz und Persönlichkeitsrechte im Web" können kostenlos über die mabb bezogen werden.

Lesen