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Dr. Hans Hege - Die Herausforderung des Analog-Digital-Umstiegs
Vortrag beim Medienforum im Rahmen der Internationalen Medienwoche 2002 am 12. September 2002
Vortrag beim Medienforum im Rahmen der Internationalen Medienwoche 2002 am 12. September 2002
Wir haben uns für den Umstieg auf die digitale terrestrische Versorgung in Berlin-Brandenburg entschieden, und wir werden innerhalb des nächsten Jahres die analoge -Ausstrahlung beenden.
Der klassische Weg der Rundfunkversorgung ist der erste, der umgestellt wird. Und dies lange vor dem für die Bundesrepublik angekündigten Datum 2010.
Wir wagen etwas, was sich auf den beiden anderen Übertragungswegen für Fernsehen, Kabel und Satellit, aber auch bei DAB als schwierig herausgestellt hat.
Mit meinem heutigen Referat möchte ich übergreifend Voraussetzungen und Bedingungen analysieren, unter denen ein Umstieg möglich ist, und DVB-T damit in den Vergleich mit anderen Übertragungswegen stellen.
Die Digitalisierung der Rundfunkübertragungswege ist eine Herausforderung für Politik und Regulierung.
Das unterscheidet sie von der Digitalisierung von Offline genutzten Geräten und von der digitalen Produktion.
Digitale Endgeräte haben sich auch ohne politische Unterstützung durchgesetzt: Die Schallplatte ist durch die CD ersetzt worden, gegenwärtig erleben wir den Siegeszug der digitalen Fotografie. Der analoge Videorekorder wird durch digitale Festplattenrekorder abgelöst.
Radio-, Fernseh- und Filmproduktion haben sich radikal verändert, als Folge der Digitalisierung.
Dazu hat man keine Politik gebraucht; es nutzte den Unternehmen und hat die Verbraucher überzeugt.
Für die Digitalisierung der Übertragungswege sind beide Bedingungen, Nutzen für Verbraucher wie Unternehmen notwendig, wenn auch nicht hinreichend.
Wir brauchen Politik und Regulierung. Aber über den Erfolg entscheiden Verbraucher und investitionsbereite Unternehmen. Und beides müssen wir zusammen bringen.
Meine These: Die Digitalisierung hat die Rolle der Politik radikal reduziert.
Telekommunikationsnetze sind in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern als öffentliches Monopol aufgebaut worden.
Inzwischen haben wir uns für den Wettbewerb entschieden, und wir haben dadurch eine gewaltige Umwälzung der Telekommunikationslandschaft erfahren.
Ging es zunächst nur um das Telefon, mit damals hohen Umsätzen, tritt nun die breitbandige Übertragung in den Vordergrund, mit der Möglichkeit, auch audiovisuelle Inhalte zu transportieren, also Medien. Weil man am Transport immer weniger verdient, streben Telekommunikationsunternehmen danach, auch Inhalte zu vermarkten und daran zu partizipieren.
Mit der Digitalisierung verschwinden die bisher klaren Grenzen zwischen Telekommunikations- und Rundfunkübertragungswegen.
Über Kabel kann man auch Internet nutzen und telefonieren, über Telefonleitungen Videoinhalte beziehen.
Die Digitalisierung führt zu Umwälzungen in der Kommunikationsindustrie, und zwar schon lange, bevor sich die Inhalte und Anwendungen am Markt durchsetzt.
Für Deutschland reichen die Stichworte: Kirch, das Kabel und UMTS. Auch wenn bisher nur ein kleiner Anteil deutscher Haushalte digitales Fernsehen empfängt, haben die dafür aufgebrachten Verluste unsere Medienlandschaft verändert. Die Kabelindustrie ist europaweit im Umbruch, nachdem sie sich noch höher verschuldet hat als Kirch. Die Ausgaben für UMTS verändern unsere Telekommunikationslandschaft.
Die Faszination der vielfachen Verwertbarkeit digitaler Inhalte hat zu Konzepten vertikaler Integration geführt, für die die Namen Messier und Middelhoff stehen.
Eins ist für die bisherigen Entwicklungen charakteristisch: Die Umwälzungen, die wir gegenwärtig erleben, werden nicht von der Politik gesteuert.
In Deutschland sind wir sogar von einem Extrem zum anderen gekommen: Von einer vollen Regulierung des Kabels zu einem freien Spiel der Kräfte, in dem nun Investmentbanker darüber bestimmen, wer die wichtigste Kommunikationsinfrastruktur für die audiovisuellen Medien übernimmt.
In den angelsächsischen Ländern werden die öffentlichen Interessen an der Infrastrukturentwicklung mehr wahrgenommen. In Deutschland kümmert sich die Politik mehr um die Verkehrsinfrastruktur, als um die für das schnelle Internet und digitale Fernsehen.
Wenn auf diese Weise nach Eigentümern für das Kabel gesucht wird, braucht man sich nicht zu wundern, dass es auch kein politisches Konzept gibt für den Analog-Digital-Übergang im Kabel.
Meine Folgerung: Nichts tun von Politik und Regulierung nützt der Digitalisierung auch nicht.
Größer ist der Einfluss der Politik bei der terrestrischen Versorgung, solange nicht auch die Frequenzzuordnung allein dem Markt überlassen wird.
Hier gibt es weltweit ein besonderes Interesse der Politik, mehr oder weniger deutlich artikuliert: Frequenzen sind knapp, und effektive Frequenznutzungen ein öffentliches Interesse, insbesondere dann, wenn man damit glaubt, bei Versteigerungen viel Geld zu verdienen.
Dass Versteigerungsverfahren auch kein Allheilmittel sind, sondern im Gegenteil die Entwicklung einer Industrie behindern können, haben wir bei der UMTS-Versteigerung gesehen. Und es besteht derzeit wohl wenig Neigung, dieses Spiel zu wiederholen.
Frequenzen aber bleiben knapp, und sind eine der wesentlichen Ressourcen des 21. Jh.
Die klare Trennung zwischen Rundfunkfrequenzen und solchen für andere Nutzungen wird sich so wenig aufrecht erhalten lassen, wie die klare Trennung von Mobilfunkgesellschaften, Internet-Providern und Fernsehveranstaltern. Um die Bundesliga bewerben sie sich ja alle.
Unsere Regelungen und unsere Zuständigkeiten bauen noch auf solchen Trennungen auf, und abgesehen vom föderalen System sind auch andere Industrieländer nicht viel weiter.
Wir brauchen hier mehr Zusammenarbeit, wie wir es in der Praxis zwischen Regulierungsbehörde und Medienanstalt hier beim Umstieg bereits praktizieren.
Ich halte es für klug, jetzt nicht große politische Entwürfe für eine Kommunikationsinfrastruktur zu machen, von der wir gar nicht wissen, wie sie aussehen wird.
Politik und Regulierung können nur erfolgreich sein, wenn sie akzeptieren, dass zuerst der Verbraucher das Sagen hat, und dann die Unternehmen, die nach ihren eigenen Interessen handeln.
Politik und Regulierung können und müssen Bedingungen schaffen, unter denen der Verbraucher Auswahl hat und Unternehmen agieren können, also der Marktzutritt offen bleibt.
Wir können auch helfen, Unternehmen zusammenzuführen, die aus bisher getrennten Welten kommen, wie der Mobilfunk und das Fernsehen.
Praktischen Nutzen bringt Konvergenz allerdings nur dann, wenn sie auch dem Verbraucher nützt.
Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie hat klare Vorteile: Mehr Programme, niedrige Übertragungskosten, erleichterte Abrechnung und auch besserer Schutz von Urheberrechten. Aber sie bedeutet auch, dass der Verbraucher neue Geräte braucht. Und diese müssen finanziert werden.
Ein digitales Gerät ist nicht von vornherein besser als ein analoges. Manche analogen Standards müssen in der Computerwelt erst erreicht werden, so das störungsfreie Funktionieren eines Fernsehgerätes, das man leicht ein- und ausschalten kann, während ein PC noch lange braucht, bis er das erste Bild von sich gibt.
Die Überheblichkeit, die manche in der Internetwelt gegenüber den klassischen Rundfunkübertragungswegen an den Tag gelegt haben, hat sich etwas gelegt, nachdem nun auch wieder berechnet werden muss, wie teuer Internetradio wirklich ist, und wie unschlagbar noch auf lange Zeit eine so einfache Technologie wie UKW.
Geräte haben für sich genommen so wenig Attraktivität wie ein Übertragungsweg wie das Kabel oder die Fernsehantenne, auch wenn sie schön klein ist wie bei DVB-T.
Für den Verbraucher entscheidend sind die Inhalte und die Nutzung, die er bekommt, und der Preis, den er dafür zu bezahlen hat.
Unternehmen bieten digitale Inhalte nur dann an, wenn es ihrem Interesse entspricht. Daran ändern auch runde Tische nichts, in denen sich alle zum Übergang auf die digitale Versorgung verpflichten.
Man muss sich der schlichten Wahrheit stellen, dass nicht alle von der digitalen Nutzung etwas haben, dass es Gewinner und Verlierer gibt.
Wir haben in Deutschland einen besonderen Hang, neue Nutzungen von etablierten Unternehmen zu erwarten, von den Verlegern Radio und Fernsehen, von Unternehmen wie der damaligen Post und IBM den Bildschirmtext. Microsoft hätte in Deutschland keine Chance bekommen, groß zu werden, gegen Siemens und die Telekom.
Und damit gibt es eine natürliche Grenze z.B. der Initiative Digitaler Rundfunk, in der beim Bundeswirtschaftsminister alle etablierten Unternehmen und Verbände zusammensitzt.
Wenn ein Unternehmen in der analogen Welt eine dominierende Stellung hat, wird er natürlich versuchen, sie in der digitalen zu erhalten, und es wird alles daran setzen, dass mehr Wettbewerb durch Digitalisierung nicht eintritt.
Erst wenn hinreichender Wettbewerbsdruck entsteht, und der entsteht durch neue Unternehmen, gibt es einen Ruck. Das haben wir beim analogen Mehrkanalfernsehen erlebt. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten machen viel mehr Programm, und strengen sich viel mehr an, seit es die private Konkurrenz gibt.
Die Digitalisierung führt nicht automatisch zu mehr Wettbewerb: Es gibt zwar viel mehr Übertragungsmöglichkeiten, aber die wirtschaftlichen Zwänge erzwingen andererseits die Konzentration, auch die vertikale Integration.
Wenn nicht dennoch Bedingungen geschaffen werden, und denen der Zutritt neuer Unternehmen möglich ist, bleiben viele Chancen ungenutzt.
Analysieren wir konkret, wer etwas von der Digitalisierung hat:
Treiber der Entwicklung in Europa waren bisher die Unternehmen, die sich zusätzliche Umsätze versprochen haben, durch Pay-TV und Kabelentgelte.
Die Pay-TV-Anbieter haben versucht, ihr analoges Monopol in der digitalen Welt auszubauen. Murdoch ist dies gelungen, Kirch nicht.
Die Kabelgesellschaften haben viel investiert, aber auch sehr viel verloren. In Deutschland hat die Netzebene 4 von der Digitalisierung dann nichts zu gewinnen, wenn ihr zugemutet wird, sich selbst abzuschaffen. Solange das Geschäft mit den Großkunden der Wohnungswirtschaft läuft, gibt es auch wenig wirtschaftlichen Druck, etwas zu verändern.
Hier zeigt sich übrigens, wie schwierig es ist, eine etablierte und erfolgreiche Industrie umzustrukturieren. Es ist viel einfacher, eine neue zu bauen, wie den Mobilfunk.
Am schwierigsten ist die Digitalisierung für die Unternehmen, die durch die Digitalisierung eigentlich zunächst nur den Vorteil haben, dass sie mehr übertragen können, die sonst aber nichts zusätzlich verdienen: die Free-TV-Veranstalter in Fernsehen und in Hörfunk.
Und hier gibt es eine weitere Zweiteilung: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bekommt digitale Technologien aus Rundfunkgebühren bezahlt, braucht also auf wirtschaftliche Überlegungen keine Rücksicht zu nehmen.
Ganz anders sieht es für werbefinanzierte private Veranstalter aus. Auch der Werbeindustrie ist es egal, ob ein Zuschauer analog oder digital sieht. Visionen künftiger Werbemöglichkeiten reichen in einer Startphase nicht mehr, in der es nur um reales Geld geht, nicht um Börsenphantasien.
Die digitale Übertragung führt zu Mehrkosten, und nicht Ersparnissen, solange beide Systeme parallel übertragen werden müssen.
Schwer tun sich auch die Sendernetzbetreiber:
Die terrestrischen Sendernetzbetreiber sind durch Bedingungen geprägt worden, die Innovation nicht gerade befördern. Soweit es öffentlich-rechtliche Anstalten sind, sind sie an Subventionierungen gewöhnt. Der Sendernetzbetrieb der Telekom hatte es nur mit traditionellen Großkunden zu tun, ist auf Kostendeckung angelegt. Damit neue Nutzungen aufzubauen, ist viel schwieriger als für den Mobilfunk. Wenn der von Anfang an kostendeckende Entgelte gefordert hätte, hätte es den Siegeszug des Mobiltelefons nicht gegeben.
Die Konvergenz aus Mobilfunk und Fernsehen erreichen wir erst dann, wenn die Betreiber herkömmlicher Fernsehnetze sich so frei bewegen können wie die der Mobilfunknetze.
Alle Netzbetreiber, auch die Kabelgesellschaften, haben übrigens in Deutschland ein besonderes Problem: Sie verstehen sich herkömmlich nur als Transportunternehmen, die in der Digitalisierung wesentliche Funktion der Vermarktungsplattform ist ihnen fremd.
Wir haben also ganz unterschiedliche Spieler mit unterschiedlichen Interessen, aber doch gilt:
Digitalisierung funktioniert nur, wenn alle mitmachen.
Rundfunkübertragungswege beziehen ihre Attraktivität aus der Gesamtheit der darüber übertragenen Inhalte.
Zum Glück ist die Situation, dass ein Unternehmen ein Übertragungsweg ganz kontrolliert, wie BSkyB das Satellitenfernsehen in Großbritannien, selten.
Bei uns in Deutschland erwartet der Zuschauer öffentlich-rechtliches und privates Fernsehen, RTL und ProSiebenSAT.1, im Radio öffentlich-rechtliche wie private Programme.
Wer ein digitales System durchsetzen wollte, das nur bestimmte Programme überträgt, wird scheitern.
Wer ein digitales System durchsetzen wollte, das überwiegend öffentlich-rechtliche Programme überträgt, und damit von der analogen Verteilung abweicht, wird scheitern, auch wenn die Rundfunkgebühren dafür bereit gestellt würden. Dasselbe gilt umgekehrt, wenn man nur auf Pay-TV setzt.
Das hat auch Kirch erfahren, der allein auf die Attraktivität des Pay-TV gesetzt hat, und diese Technologie proprietär einsetzen wollte.
Deshalb war es für uns zentral, für den Umstieg in Berlin-Brandenburg alle großen Spieler zusammen zu bekommen.
Digitale Übertragung wird nur erfolgreich sein, wenn sie für alle wesentliche Inhalte-Anbieter so sinnvoll ist, dass sie sich beteiligen oder beteiligen müssen.
Eine weitere These, weit über DVB-T hinausgehend: Die vollen Zukunftschancen der Digitalisierung wird man nicht ohne eine Abrechnungstechnologie nutzen können.
Unser Fernsehen und unser Radio ist von freien, gebühren- oder werbefinanzierten Programmen bestimmt. Wir haben es bisher auch geschafft, über Satellit ein freies Fernsehen aufzubauen, das es sonst nirgendwo auf der Welt gibt.
Und das geht sogar jetzt noch digital: Dort gibt es noch mehr Programme frei als analog, und die Haushalte kaufen die Geräte, auch wenn man damit die Weltmeisterschaft nicht sehen konnte. Aber es wäre fatal, wenn wir uns darauf verlassen wollten, dass dieser Prozess immer weiter gehen würde.
Es gäbe eine Perspektive, dass man immer mehr Programme aus Rundfunkgebühren bezahlt, bald noch einen öffentlich-rechtlichen Nachrichten- und Sportkanal, aber damit würde man die Chancen des privaten Sektors beschränken, und wohl auch bald mit dem europäischen Wettbewerbsrecht in Konflikt kommen.
Sonst aber gilt der einfache Satz: Man kann nicht immer mehr Programm bieten, ohne dass dafür bezahlt wird. Man muss dem Verbraucher eine Auswahl geben, und eine Technologie, mit der er die ausgewählten Inhalte abrechnen kann.
Im Mobilfunk ist selbstverständlich, dass abgerechnet wird. Rundfunkveranstalter, von ARD bis RTL, haben aber nach wie vor eine instinktive Abwehr gegen eine von ihnen sog. Grundverschlüsselung, die doch nichts anderes ist, als die Voraussetzung einer Abrechnung.
Nun verstehe ich das Interesse, eine starke Position zu behalten, weil bei der reinen Werbe- und Gebührenfinanzierung die großen Systeme besser wegkommen, als die kleineren Kanäle, die auf zusätzliche Einnahmen angewiesen sind.
Aber so wie die ARD auch vom analogen Satellitenfernsehen profitiert hat, trotz abnehmender Marktanteile, sollten sich auch RTL und ProSiebenSat.1 der Abrechnungstechnologie stellen.
Es nutzt nichts, MHP zu fordern, als Basis für neue interaktive Anwendungen, aber nicht über die Technologie nachzudenken, mit der solche neuen Nutzungen abgerechnet werden können.
Klar ist andererseits, dass die Abrechnungssysteme nicht so genutzt werden können, wie sich dies die analogen Pay-TV-Monopolisten vorgestellt haben: Dass sie dies mit proprietären Technologien kontrollieren, und allein über die Kundenadressen verfügen.
Im letzten Teil meiner Ausführungen möchte ich die bisherigen Thesen auf die einzelnen Übertragungswege anwenden:
Zunächst zum Kabel
Wir haben ein weltweit einmaliges Angebot, so viel Fernsehprogramme so günstig ist es nirgendwo. Investoren haben das natürliche Interesse, den Umsatz je Kunden zu steigern.
Aber es kommt immer noch auf den Verbraucher an.
Und der sieht in zusätzlichen digitalen Programmen bisher einen begrenzten Nutzen.
Die Chancen des breitbandigen Internets bekommt er meist nicht geboten. Dies setzt eine Umstrukturierung der Kabelindustrie voraus.
So sinnvoll sie ist, so stehen doch Interessen etablierter Unternehmen dagegen, die mit dem herkömmlichen Modell noch Geld verdienen.
Wir haben die Kabelnetze nicht rechtzeitig von der Telekom getrennt. Und nun fehlen uns sachkundige Investoren, die das Kabel realistisch entwickeln.
Amerikanische Modelle lassen sich nicht ohne weiteres übertragen. Die Digitalisierung ist noch ein langer und mühsamer Weg. Weder die großen Fernsehveranstalter noch die Masse der Verbraucher machen sie gegenwärtig mit.
Woher sollen attraktive Inhalte kommen, solange nicht Millionen von Haushalten über Set-Top-Boxen verfügen? Aber wer soll dies bezahlen, wenn gleichzeitig auch noch für die Programme gezahlt werden muss?
Beim Satelliten sieht es zahlenmäßig besser aus, aber nur Dank der niedrigen Kosten der Satellitenübertragung und der gegenüber den Kabelnetzbetreibern wesentlich klügeren Politik von ASTRA, die digitale Parallelübertragung attraktiver Programme zu ermöglichen.
Ungelöst ist das Problem der Urheberrechte: es wird europaweit übertragen, auch wenn die Rechte nur für das deutschsprachige Gebiet erworben sind.
Wir werden die Nagelprobe der Fußballweltmeisterschaft 2006 haben. Ich erinnere an meine Forderung nach der Einführung einer neutralen Verschlüsselungstechnologie. Das heißt nicht, dass die Programme im Regelfall verschlüsselt werden sollen, im Gegenteil.
Auch ohne eine solche Technologie kommen wir weder beim Satelliten noch beim Kabel voran.
Zur Digitalisierung des Hörfunks: DAB
DAB ist das Musterbeispiel einer Digitalisierung, die auf Probleme stößt, weil sie die Interessen von Verbrauchern und Inhalte-Anbietern zu wenig berücksichtigt.
Sicherlich: Es werden nun immerhin DAB-Autoempfänger in größeren Stückzahlen verkauft.
Aber eine Frage bleibt unbeantwortet: Warum soll es für die Inhalte-Anbieter attraktiv sein, diese Geräte zu versorgen?
Lassen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einmal bei Seite, der Rundgebühren bekommt.
Ein privater Veranstalter finanziert sich ausschließlich aus Werbung; die Einnahmen bestimmen sich nach der Zahl der erreichten Hörer.
Im Auto wird auch in absehbarer Zeit nur ein Bruchteil der Hörer zu erreichen sein, und die Kosten für die digitale Übertragung kommen zur UKW-Ausstrahlung hinzu. Die Kosten je Hörer betragen ein Vielfaches.
Mehr verdienen kann man mit DAB nicht. Zusatznutzungen, die in den Pilotprojekten noch erprobt wurden, sind eingeschlafen, nicht zuletzt, weil man sie nicht abrechnen kann. Gerade für die Mobilnutzung im Auto liegt es nahe, solche Dienste über das Mobiltelefon anzubieten.
Und die eigentlichen Vorteile des mobilen Empfangs kann die Technologie nicht ausspielen, so lange es nicht wirklich mobile Geräte gibt.
Noch sind UKW-Empfänger unschlagbar, im Preis wie in der Leistung.
Und die politische Konzeption für die Nutzung von DAB war und ist, dass die etablierten Programme abgebildet werden. Das fördert nicht gerade einen Zusatznutzen.
Natürlich macht es Sinn, DAB zu veranstalten, wenn man dafür eine UKW-Frequenz bekommt.
Aber wenn eine digitale Technologie nur mit Subventionen funktioniert, wenn kein Unternehmen sie aus eigenem wirtschaftlichen Antrieb unterstützt, außer den Geräteherstellern, dann ist etwas falsch.
DAB ist nach wie vor eine leistungsfähige Technologie für mobile Nutzung. Aber dann muss man auch bisherige Scheuklappen ablegen, und DAB neu positionieren. Mobile Geräte können mit DAB- und DVB-T-Chips ausgestattet werden, DAB ist sowenig nur auf Radio beschränkt, wie DVB-T auf Fernsehen.
Einen Umstieg allerdings wird es auf absehbare Zeit beim Radio nicht geben können.
Zum Schluss nun zu DVB-T
Der Durchbruch für uns in Berlin war, dass wir es anders machen können als bei DAB. Unabhängig von der Frequenzknappheit wäre es wirtschaftlich nicht vertretbar gewesen, ein digitales Parallelsystem auf längere Zeit neben dem analogen zu betreiben.
Wir setzen auf eine grundlegend andere Nutzung der terrestrischen Verbreitung, nicht auf ihre Fortführung mit mehr Kanälen.
Es geht um die stationäre Versorgung in Ballungsräumen einerseits, die Perspektive der mobilen Nutzung, in Verbindung mit Mobilfunknetzen andererseits.
Es geht um individuellen Empfang, die Unabhängigkeit von Gemeinschaftsantennenanlagen.
Dazu brauchen wir leistungsstarke Frequenzen, und die gibt es nur durch Aufgabe der analogen Versorgung.
Nur diese Abschaltung führt auch dazu, dass die Geräteindustrie selbst investiert und preisgünstige Geräte bereit stellt.
Der Verbraucher hat nun die Wahl, im Ballungsraum mindestens zwischen Kabel und terrestrischer Versorgung.
Ohne Modernisierung hätte es nur den Ausstieg aus der terrestrischen Versorgung gegeben.
Dass wir dies mit den großen Fernsehveranstaltern gemeinsam geschafft haben, liegt daran, dass wir ihre Interessen berücksichtigt haben: das Interesse an der Erprobung eines dritten Weges, einer begrenzten Erprobung, wie sie nur in einem Ballungsraum möglich ist. Und der Perspektive der Mobilnutzung, die neue Wertschöpfungsmöglichkeiten eröffnet.
Was wir hier gemeinsam tun, hat Schumpeter in seinen Analysen als „schöpferische Zerstörung“ beschrieben, Voraussetzung der wirtschaftlichen Innovation.
Sie ist sicher nur möglich, weil wir nur so wenig Haushalte haben.
Wir hatten ein Zeitfenster, das wir nutzen wollen. Es ging nicht vorher, und vermutlich auch nicht nachher.
Man kann auch nicht mehr umsteigen, wenn man zu wenig Haushalte hat. Aus einem einfachen Grund: In Berlin erzielen die Veranstalter durch die Abschaltung der analogen Übertragung noch eine Einsparung, weil sie bisher noch analog senden. Dort wo schon abgeschaltet ist, und das ist für private Veranstalter der größte Teil der Republik, würden digital reine Zusatzkosten entstehen, bei unsicherer Reichweite.
Die privaten Veranstalter gehen noch Risiken in Berlin-Brandenburg ein, weil niemand genau weiß, wie sich der Markt entwickelt. Aber es gibt eine Schmerzgrenze, gerade in den gegenwärtigen Zeiten.
Wir haben versucht, eine neue Form der Regulierung zu praktizieren: Niemand hätte diesen Umstieg anordnen können, er ging nur im Konsens, einem, der auf die Interessen der Beteiligten Rücksicht nimmt.
Wir müssen viele neue Fragen lösen, von der Kommunikation bis zur Sozialverträglichkeit.
Wenn wir dies aber hinter uns haben, haben sich nicht nur die terrestrische Versorgung in Berlin geändert, sondern auch Anstöße für weitere Entwicklung gegeben, mindestens in Deutschland, vielleicht darüber hinaus.
Wir sind nicht so vermessen, diese planen und gestalten zu wollen. Wenn wir Frequenzen frei machen für neue Nutzungen, dann machen wir Raum für neue Entwicklungen.
Und vielleicht können wir auch etwas dazu beitragen, dass die Chancen der Digitalisierung auf anderen Übertragungswegen besser genutzt werden können.



