Hauptcontent
Dr. Hans Hege - Die Zukunft des digitalen Fernsehens in Deutschland
Beitrag für Reuters
Den Startschuss zum digitalen Fernsehen in Deutschland gab Leo Kirch auf der Internationalen Funkausstellung 1995 in Berlin. Er bestellte 1 Million digitale Set-Top-Boxen. Das Ziel war klar: mit einem frühen Start ein Monopol zu bekommen, in einen Zukunftsmarkt, an den er mehr als andere glaubte. Fast vier Jahre später sind nun die Million Set-Top-Boxen am Markt und Leo Kirch hat ein Monopol im Pay-TV, nachdem sich Bertelsmann aus Premiere zurückgezogen hat.
Dazwischen liegt eine Kette von wechselnden und zerbrechenden Allianzen, an der alle großen europäischen Medienunternehmen beteiligt waren, Canal Plus ebenso wie Murdoch. Zweimal hat die Europäische Kommission Allianzen von Kirch, Bertelsmann und der Deutschen Telekom untersagt. Im Kontrast dazu haben sich die Verbraucher für das digitale Fernsehen wenig interessiert. Der Markt wuchs langsam, die Verluste fielen viel größer aus als angenommen, sie übertreffen heute schon die beim Aufbau des werbefinanzierten Fernsehens.
Deutschland hat mit digitalem Fernsehen früh begonnen, liegt aber heute im internationalen Vergleich eher zurück. Murdoch ist später gestartet, und hat damit viel Geld gespart. Aber der deutsche Markt ist und bleibt der schwierigste in Europa.
Eine Ursache liegt auf der Hand: Das vielfältige Free-TV-Angebot, das sonst nirgendwo seinesgleichen hat. Über Kabel werden 53 % der deutschen Haushalte versorgt, sie empfangen mindestens 33 Programme, für die sie nichts zusätzlich bezahlen müssen, weil sie aus Werbung oder Rundfunkgebühren finanziert werden. Das freie Satellitenangebot, das direkt 34 % der Haushalte empfangen, ist noch viel größer. Kein Wunder, dass es Pay-TV schwer hat in Deutschland, dass die Zahlen von Premiere weit hinter denen von Canal Plus und BSkyB zurückbleiben.
Deshalb haben Kirch und Bertelsmann Premiere das einzige analoge Pay-TV-Programm gemeinsam gegründet, haben aber daneben ihre eigenen Senderfamilien im Free-TV entwickelt. Heute kontrollieren sie den deutschen Fernsehmarkt, außer dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Erweiterung der Zusammenarbeit auf das digitale Fernsehen, verbunden mit einer Allianz bei der Beschaffung attraktiver Inhalte wie Filme und Sport, beschwor die Gefahr der gemeinsamen Kontrolle des deutschen Medienmarktes durch Kirch und Bertelsmann. Den Kartellbehörden in Brüssel und Berlin blieb nichts übrig, als dazu „Nein“ zu sagen. Grundgesetz des Wettbewerbs in Deutschland muss sein, dass Kirch und Bertelsmann Wettbewerber bleiben.
Aber es blieb die schon früher begründete Zusammenarbeit bei Premiere, die weitere Auseinandersetzungen provozierte und die Entwicklung behinderte. Dass nur der Trennungsstrich gezogen ist, wird die digitale Entwicklung fördern.
Aber es bleibt noch ein weiteres deutsches Strukturproblem zu lösen: die Rolle der Deutschen Telekom AG. Das Kabel ist der wichtigste Übertragungsweg, er erreicht mehr als die Hälfte der Haushalte. Aus politischen Gründen zur Einführung des Privatfernsehens ausgebaut, unterlagen die Kabelnetze bisher strenger Regulierung: Medienanstalten der Länder bestimmten, was über die Kabelnetze transportiert wird. Nun strebt die privatisierte Telekom wie alle Telekommunikationsunternehmen danach, über eine Transportleistung hinaus neue Wertschöpfungen durch den Vertrieb von Inhalten zu generieren. Kabelnetze müssen ausgebaut werden, um konkurrenzfähig zu bleiben. Sie werden zu Telekommunikationsnetzen, zu einer wesentlichen Infrastruktur für die Informationsgesellschaft.
Die zunächst attraktivste Wertschöpfung für jeden Kabelbetreiber ist Pay-TV. Und daher liegt eine Allianz der Telekom mit Leo Kirch auf der Hand. Aber damit würden wiederum die Wettbewerbsbehörden herausgefordert: Weder in Europa noch in den USA gäbe es ein so dominierendes Kabelunternehmen, gäbe es weniger Wettbewerb sowohl beim Vertrieb von audiovisuellen Inhalten als auch bei den Netzen, die private Konsumenten erreichen.
Seit langem verfolgt die Europäischen Kommission – bisher erfolglos, das Ziel, Kabel- und Telefonnetze zu trennen. Die günstige Zeit dafür, vor der Privatisierung der Telekom, ist verpasst worden; nun bleiben nur noch Auflagen im Bereich der Fusionskontrolle.
Bisher kontrolliert die Telekom zwar den Transport, erreicht aber nur ein Drittel der Kunden direkt, weil die Hausnetze großen Wohnungsbaugesellschaften oder anderen Kabelunternehmen gehören. Die Zusammenführung dieser Netzebenen und der Ausbau zu interaktiven Breitbandnetzen ist Voraussetzung für die Zukunft der Kabelindustrie. Aber die Wettbewerbsbehörden werden der Telekom kaum gestatten können, sich noch auszudehnen, nämlich in den Bereich der Vermarktung von Inhalten einerseits und dem Erwerb der bisher von anderen Unternehmen kontrollierten Kabelnetze andererseits.
Die Telekom hat ihre Bereitschaft erklärt, ihre Netze jedenfalls teilweise zu verkaufen. Aber viele Fragen sind noch offen. Nur eine erfolgreiche Restrukturierung der Kabelindustrie schafft die Voraussetzung für Investitionen und damit für den Erfolg des digitalen Fernsehens. Pay-TV allein wird digitales Fernsehen nicht entwickeln. Kabelnetze werden nicht allein damit refinanziert werden können.
Digitales Fernsehen und Internet stehen bisher noch nebeneinander; über Kabelnetze können beide verbreitet werden, Internet in neuen, für die Privathaushalte attraktiveren Formen. Bisher stehen Abschottungstendenzen aus der alten Welt des Pay-TV gegen die offeneren Standards des Internet. Die Dynamik der Computerwelt lebt davon, dass möglichst viele Anwendungen möglichst einfach programmiert werden können. Noch gibt es im digitalen Fernsehen nicht das einheitliche europäische Betriebssystem. Noch gilt es der Versuchung zu widerstehen, über die Abrechnungstechnologie die Entwicklung zu kontrollieren. Aber macht es wirklich einen Unterschied, ob Filme vertrieben werden oder andere Gegenstände des Electronic Commerce? In der Synergie sind Fernsehen und Internet stark.
Bertelsmann hat sich aus dem Pay-TV zurückgezogen, weil es an die Zukunft des Internet glaubt. Aber auch im Zeitalter des Electronic Commerce werden Filme und Sport ein bestimmender Inhalt sein.
Digitales Fernsehen wie schnelles Internet brauchen Bandbreite, und niemand bietet diese besser als ausgebaute Kabelnetze. Der Ausbau der Infrastruktur wird einer der Schlüsselfragen sein, die in den nächsten Monaten zu lösen ist. Ein erstes hoffnungsvolles Zeichen ist Berlin: Hier wird das Netz voll interaktiv ausgebaut, noch von der Deutschen Telekom AG.



