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Dr. Hans Hege - Von Analog nach Digital - Digitales Fernsehen in der Krise?
Impulsvortrag beim Medienforum NRW - Agenda am 27. Juni 2001
Sie erwarten von mir einen Impulsvortrag, also Anregungen und Provokationen. Deshalb ist das, was ich hier sage, meine persönliche Meinung, und keine abgestimmte Position der MABB oder gar der Landesmedienanstalten insgesamt.
Über digitales Fernsehen diskutieren wir schon seit vielen Medienforen, und immer noch sehen die meisten analog. Wir haben nur 6 % Digitalhaushalte, Großbritannien schon 30 %.
Aber wir sollten uns nicht von der gegenwärtigen Mode anstecken lassen, von der Euphorie nun gleich in die Depression zu verfallen.
In der Krise ist die digitale Wirtschaft, und dabei insbesondere diejenigen Zweige, die auf Analysten und Investmentbanker gesetzt haben, und die den Verbraucher und Kunden aus den Augen verloren haben.
Es ist schon einige Jahre her, als ich auf der NAB, dem Kongress der amerikanischen Fernsehsender, eine treffende Beschreibung der zwei Wege der Finanzierung des Internets gehört habe: durch zahlungskräftige Mütter oder durch die Börse. Der Verbraucher und Kunde war nicht so wichtig. Genauso klar war aber damals schon, dass das nicht ewig so weitergeht.
Sicher haben auch unsere Fernsehunternehmen vor einiger Zeit noch daran gedacht, sich ihre neuen digitalen Aktivitäten von der Börse bezahlen zu lassen, und die Stimmung bei der letzten Funkausstellung beschrieb Gert Tenzer richtig, als er ausführte, beim Verkauf der Kabelnetze gehe es um den Verkauf von Visionen.
Nun ist damit Schluss, und auch die Telekom nimmt lieber Bargeld für ihre Kabelnetze als weiter auf die Hoffnung zu setzen, mit ihren Minderheitsanteilen künftig noch an der Börse Kasse machen zu können.
Wer zu früh gekauft und zu viel bezahlt hat, kann zwar auch beim digitalen Fernsehen und beim Kabel Probleme bekommen.
Insgesamt aber meine ich, dass es dabei um einen grundsoliden und aussichtsreichen Bereich der digitalen Wirtschaft geht.
Kirch hat für Inhalte viel Geld bezahlt, und auch das Kabel kostet eine ganze Menge. Aber vergleichen Sie das mit UMTS:
Die Unternehmen, die jedes für sich 16 Milliarden allein für eine Lizenz bezahlt haben, müssen sich schließlich auch an den Privatkunden wenden, ihm breitbandige Inhalte liefern, und das bedeutet doch Unterhaltung und Information, also typische Inhalte von Medien.
Von Inhalten verstehen unsere Fernsehveranstalter und Medienunternehmen mehr, auch wenn sie bei der Vermarktung an den Endkunden noch dazu lernen.
Wenn die Preise für den Transport verfallen, wenn breitbandige Wege nach Inhalten suchen, ist es nur natürlich, dass Telekommunikationsunternehmen sich auch um Inhalte kümmern.
Aber es ist nicht so selbstverständlich, dass sie damit auch umgehen können. Die Geschichte des deutschen Kabels zeigt uns traurige Beispiele, wie ein deutsches Unternehmen nach dem anderen ausgeschieden ist, von Vebacom über Mannesmann bis hin zur Deutschen Telekom.
In der Krise der digitalen Wirtschaft liegt eine Chance.
Man kann auf die Vergesslichkeit der Anleger hoffen, und darauf, dass sie künftig doch wieder Geld für Visionen bereit stellen.
Oder man kann jetzt mehr auf den Verbraucher setzen, danach fragen, wofür er bereit ist zu bezahlen.
Ich verstehe Marktwirtschaft so, dass zuerst die Verbraucher und Kunden über den Erfolg von Medien entscheiden, und nicht Analysten und Investmentbanker und deren Interessen.
Digital und breitbandig, das sind die Chancen der Medien und Kabelgesellschaften, weil sie so kostengünstig wie niemand anders Unterhaltung und Information für eine große Zahl von Menschen bieten können, in den klassischen Formen des Fernsehens, dem neuen breitbandigen Internet und der Kombination von beidem.
In den Augen der Analysten und Investmentbanker sind Massenmedien nicht so attraktiv, weil man keine so hohen Umsätze je Kunden damit erreicht, wie in den schönen Zeiten des teuren Telefons oder in den Fantasien für UMTS.
Nun verfallen aber die Transportkosen und die attraktiven Inhalte werden immer teurer.
Aber die Medien müssen darauf achten, dass sie nicht ihren großen Vorteil verspielen, die Verbraucher kostengünstig mit einem vielfältigen Angebot zu versorgen, wie wir es in Deutschland in einmaliger Weise erreicht haben.
Es ist für mich immer erstaunlich, wie manche glaubten, mit dem Stichwort Internet die ökonomischen Gesetze der Massenmedien außer Kraft setzen zu können.
Technisch kann man natürlich auch Radio und Fernsehen im Streaming-Verfahren übertragen. Aber leider wird es um so teurer, je mehr Leute diese Angebote gleichzeitig nutzen.
Bei Zeitungen und Fernsehen ist es umgekehrt: Sie haben Grundkosten, die kaum mehr steigen, wenn sie noch mehr Leser oder Zuschauer erreichen.
Man kann mit Streaming kleine, zahlungskräftige Zielgruppen bedienen, aber man sollte jedenfalls vorerst nicht so größenwahnsinnig sein, zum Massenmedium werden zu wollen.
Und sicher kann man mit UMTS auch bewegte Bilder und Radio übertragen, wenn auch schon qualitativ lang nicht so gut und so störungsfrei wie über digitale Rundfunktechniken. Aber wer soll das bezahlen?
Ich erwarte, dass das Fernsehen das Leitmedium auch der digitalen Wirtschaft wird.
Natürlich müssen Kabelgesellschaften auch darauf setzen, die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen und mit dem Rückkanal breitbandiges Internet und Telefon anzubieten.
Der Transport wird aber immer billiger, aber schon heute haben die neuen Erwerber das Problem, dass die Preise für das Festnetztelefon schon so gefallen sind, dass sich die Verbraucher mehr für das Mobiltelefon interessieren, und dass auch beim schnellen Internet für den PC die Telekom mit ADSL weit voraus ist, bis die Probleme mit der Netzebene 4 und dem Netzausbau gelöst sein werden.
Der eigentliche Vorteil des Kabels aber kommt noch: die Verbindung von Fernsehen und Internet, die ADSL eben nicht kann. Hier gibt es noch viele Hindernisse, und die Entwicklung wird nicht so schnell gehen, wie viele es erhofft und erwartet haben. Das war übrigens schon beim analogen Kabel- und Satellitenfernsehen so.
Es könnte sich einmal als einer der größten Fehler der Deutschen Telekom herausstellen, dass sie das Kabel ganz aufgegeben hat, statt es teilweise zu verkaufen und sich wie im Mobilfunk dem Wettbewerb zu stellen.
Ich verstehe das Handeln der Telekom aus ihren kurzfristigen Börseninteressen. Langfristig könnte es so falsch sein, wie es für Bertelsmann gewesen wäre, sich nicht an RTL zu beteiligen.
Doch nun zum Hauptthema meines Referats: Dem Analog-Digital-Übergang
Hier sehe ich ein Paradoxon:
Auf der einen Seite ist es dem Verbraucher egal, ob die Technik analog oder digital ist, beim Fernsehen genauso wie beim Telefon.
Auf der anderen Seite führt die Digitalisierung zu einer Revolution, einer allerdings still verlaufenden, die mehr verändert, als am Anfang erkennbar ist.
Kabel und Satellit haben unsere Medienlandschaft grundlegend verändert, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ebenso wie den privaten.
Die Digitalisierung führt zu einer noch weiterreichenden Revolution. Und wieder unterschätzt man ihre Veränderungen in der ersten Phase. Sie ist von den Schwierigkeiten bestimmt, überhaupt zur digitalen Übertragung überzugehen.
Warum haben wir es in Deutschland besonders schwer?
Der erste Grund ist unser Erfolg in der analogen Welt: Wir haben ein weltweit einmaliges Fernsehangebot, so dass es schwer ist, zusätzliche attraktive Inhalte zu bringen.
Dahinter steckt aber gleich ein zweiter Grund, der mir mehr Beachtung zu verdienen scheint:
Die analoge Vielfalt ist zustande gekommen, weil wir sie in hohem Umfang mit öffentlichen Mitteln subventioniert haben. Für die digitale Welt wollen viele das nun ganz anders machen, es die Investitionen mit dem Geld der Anleger finanzieren, während der Staat noch abkassiert.
Die analoge Verbreitung haben wir mit den Subventionen für das Kabel unterstützt, bezahlt aus Telefongebühren, und dann, das sollten wir nicht vergessen, mit den terrestrischen Frequenzen, die den Durchbruch des privaten Fernsehens gebracht haben, auch wenn sie heute an Bedeutung verloren haben. RTL und SAT.1 haben den wirtschaftlichen Wert nie bezahlt, und das war eine weitere Milliarden-Subvention. Hätte man die Frequenzen damals versteigert, wären wir nicht, wo wir heute sind.
Nach dieser Vorgeschichte darf man sich nicht wundern, wenn das Umsteuern schwer ist.
Jetzt wird nämlich die Infrastruktur zunächst einmal teuer gemacht, beim Kabel durch die Börseninteressen der Telekom, bei den Frequenzen durch die Versteigerungserlöse bei UMTS.
Früher hat man einmal geglaubt, dass man neue Technologien nicht am Anfang mit Steuern belegt und mit hohen Kosten belastet, sondern neue Infrastrukturen fördert.
Aber da gab es auch noch eine Infrastrukturpolitik, so kontrovers manches im einzelnen gewesen war.
Heute gibt es Börseninteressen, und das Interesse des Finanzministers an kurzfristigen Einnahmen.
In einiger Zeit werden wir beurteilen können, ob das das bessere System ist. Zur Zeit ist ja noch viel privates Geld da, das auf Anlage wartet, und auch Verluste sind steuerlich interessant.
Meine persönliche Meinung: Ich glaube nicht, dass die Dominanz der Börsenorientierung und die Förderung von Deals, Mergers and Acquisitions dem Aufbau neuer Infrastrukturen unbedingt förderlich ist. Man braucht auch nicht mit deutscher Gründlichkeit gleich von einem Extrem ins andere zu fallen.
Kirch hat viel für das digitale Fernsehen getan, neben der Telekom als Einziger beträchtlich investiert. Als börsenorientierten Unternehmen hätte die Kirch-Gruppe das nicht gekonnt. Und ohne Kirch wären wir heute noch viel weniger weit.
Und nun kommt John Malone: Muss es für ihn nicht das Attraktivste sein, die von der Telekom erworbenen Netze mit den von UPC und der Deutschen Bank erworbenen Netzebene 4-Gesell-schaften zu konsolidieren, und dann den dadurch erzielten Mehrwert steuerfrei durch einen weiteren Verkauf zu realisieren?
Warum soll er Netze ausbauen, wenn damit viel weniger Geld zu verdienen ist? Arbeitet nicht die Zeit für ihn, wenn Wagemutigere wie Kirch und Callahan hinter ihren Erwartungen zurückbleiben?
Liberty Media bekennt sich klar zum Shareholder Value. Das muss man auch akzeptieren
Aber ich glaube schon, dass einige in der Politik sich noch wundern werden, dass alte Forderungen nach gleichmäßiger Versorgung in Flächenländern oder Visionen von kultureller Vielfalt auf taube oder doch verständnislose Ohren stoßen; dass dann die klare Antwort kommt, dann suventioniert das doch aus öffentlichen Mitteln.
Es ist schon erstaunlich, wie wenig wir wissen über die Zukunft unserer Kabelnetze. Bei der Privatisierung der Wasserwerke und der Bewag hat man mehr gefragt, und mehr zur Sicherung erhalten.
Und der Bund würde sich wohl kaum trauen, die Bahn zu verkaufen, wenn man nicht wüsste, was damit geschieht.
Ich meine, es gibt nach wie vor mehr öffentliche Interessen als die kurzfristige Erzielung von Steuereinnahmen und die standortbezogene Schaffung von Arbeitsplätzen. Da könnten wir übrigens auch von den Amerikanern lernen, die pragmatischer als wir daran gehen, Strukturen zu schaffen, in denen sich Wettbewerb entwickelt, unter anderem mit einer Grenze, bis zu der ein Unternehmen Kabelgesellschaften aufkaufen darf.
Lassen Sie mich noch zwei weitere Zusammenhänge behandeln, die den Analog-Digital-Übergang erschweren, und deren Analyse uns helfen kann, den Prozess besser zu verstehen.
Digitales Fernsehen heißt auch mehr bezahlen, was allerdings nicht mit dem großen Sprung gleich zu setzen ist, den ein Premiere-Abonnement gegenüber dem bisherigen Kabel- und Satellitenempfang mit sich bringt.
Wir haben ein eigenartiges Verständnis von Pay-TV. Kabelfernsehen ist schon immer Pay-TV, weil schließlich für mehr Programme zusätzlich bezahlt wird, wenn auch nicht für einzelne Inhalte.
Und natürlich zahlen wir für Kabel- und Satellitenfernsehen viel mehr als früher für terrestrisches Fernsehen, angefangen von den Rundfunkgebühren, mit den wir schließlich auch schon die digitalen Zusatzangebote der öffentlich-rechtlichen Anstalten bezahlen müssen.
Man kriegt nicht immer mehr Fernsehen für das gleiche Geld, zumal mehr Kanäle den Wettbewerb um die knappen Inhalte fördern und damit die Preise steigen lassen, weil die Zahl der interessanten Fußballspiele schließlich nicht mit der Zahl der Kanäle wächst.
Digitale Übertragung ist zwar billiger als analoge, aber die Transportkosten sind nur ein kleiner Kostenfaktor, der von sonstigen Mehrkosten mehr als aufgefressen wird.
Aber mit Geld für die Inhalte und Dienste ist es nicht getan.
Digital heißt auch ganz konkret, man braucht neue Geräte.
Es ist dort noch relativ einfach, wo an die Stelle eines analogen Gerätes ein digitales tritt, zum Beispiel beim Satellitenempfang, wo man eben mehr Programme bekommt (neben allen bisher schon empfangbaren), und dafür auch einen gewissen Mehrpreis zu zahlen bereit ist. Die Rundfunkveranstalter sind eher überrascht, wie gut das läuft, das Boxen unsubventioniert gekauft werden. Daher haben wir nun das Problem, dass man mit diesen Boxen die Weltmeisterschaft nicht sehen kann. Aber wir diskutieren auch schon über die Lösungen.
Neue Geräte werden dort schwierig, wo man wie beim Kabel diese Geräte für den analogen Empfang nicht braucht, und schon gar nicht für jeden Fernsehapparat in der Wohnung, und wo man nicht alle Programme digital empfangen kann: RTL, SAT.1 und ProSieben gibt es im Kabel nach wie vor nur analog.
Hier helfen dann nur Subventionen, das Handy-Modell, mit den Boxen "verschenkt" werden, um sie dann durch den Umsatz zu refinanzieren.
Wie schwierig das wirtschaftlich ist, hat die Kirch-Gruppe erfahren; und unsere Kabelnetzbetreiber werden ähnliche Erfahrungen machen.
Bei einem Rückblick auf die Diskussionen der letzten Jahre muss ich sagen, dass wir über die Set-Top-Boxen eher medienpolitische Auseinandersetzungen geführt haben, als realistisch darzustellen, was diese Geräte erfüllen können.
Bei allen Verbesserungsmöglichkeiten ist es schon eine großartige Leistung, dass Computer, und das sind Set-Top-Boxen, Sekunden nach dem Einschalten ein Bild liefern, und auch im übrigen viel seltener abstürzen als der PC am Arbeitsplatz.
Im Fernsehen sind die Standards durch die analoge Welt gesetzt: Hier kann man sofort auf ein Bild in hoher Qualität zugreifen, und die Geräte halten lange.
Wir haben heute im digitalen Fernsehen erreicht, dass man viel mehr Programme sehen kann, und darüber auch Programminformationen empfängt, außerdem einige Zusatzanwendungen, wenn auch nicht viele. Der Super-Fernsehtext etwa, die natürliche Verbesserung des analogen Angebotes, lässt länger auf sich warten als gedacht. Vom ARD-"Lesezeichen" hören wir nicht mehr viel.
Natürlich brauchen wir den Standard der Multimedia-Home-Plattform, damit Anwendungen in allen Kabelnetzen laufen.
Aber ich rate hier auch zur Vorsicht bei der Erwartung, wie schnell diese Anwendungen realisiert werden.
Die Verbindung von Fernsehen und Internet ist eine gute Idee, aber es wäre schon viel weniger schön, wenn alle Schwächen des PC’s auf den Fernsehapparat übertragen würden.
Das digitale Multimedia-Angebot soll ja viel bedienungsfreundlicher sein, bis hin zur Spracherkennung. Wer sich mit Computern auskennt, weiß, welche Anforderungen das an die Technologie stellt, und was es kostet.
Und nachdem wir nun auch wieder danach fragen müssen, was der Verbraucher dafür bereit ist zu bezahlen, wird es einige Anwendungen geben, die schnell kommen wie Spiele und e-mail, andere aber werden noch auf sich warten lassen.
Die Zeit arbeitet für das digitale Fernsehen, die Prozessoren werden schneller, Festplatten ersetzen den Videorecorder.
Die nächste technologische Herausforderung ist dann die Übertragung für den mobilen Empfang. Das Telefon ist eine sehr einfache Anwendung, und auch eine, bei der der Vorteil des mobilen Empfangs gegenüber dem stationären, kabelgebundenen offensichtlich ist.
Ich bezweifle allerdings, dass die UMTS-Investoren sich voll bewusst waren, welche technologische Herausforderung die breitbandige Übertragung mit sich bringt; sie suche jetzt immerhin nach Anwendungen, mit denen man die Technologie finanzieren kann, haben aber leider das Problem, dass die mobile Version von e-commerce, Unterhaltung und Information nicht von vornherein so viele Vorteile vor dem stationären Empfang hat, wie das Telefonieren.
Hier sehe ich übrigens die Chance der digitalen Rundfunktechnologien, die eine mobile Versorgung mit Unterhaltung und Information viel kostengünstiger gewährleisten, als UMTS und Mobilfunknetze.
Ich halte dies übrigens auch für eine Notwendigkeit, denn in einer zunehmenden mobilen Gesellschaft müssen wir kostengünstige Unterhaltung und Information für alle sichern.
Und so wie das Triple Play im Kabel Fernsehen, Internet und Telefon verbindet, können dies DVB-T und DAB auf der einen Seite, die Mobilfunktechnologien auf der anderen.
Allerdings muss dazu auch die Rundfunkwelt begreifen, dass digital-terrestrisch etwas völlig anderes ist als terrestrisch-analog.
Ohne dies hier weiter ausführen zu können, meine ich, dass in absehbarer Zeit neue Konzepte gefordert sind, wie wir sie für DVB-T in Berlin entwickeln.
Hier besteht die Chance des Umstiegs, und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, in der Verbindung von Rundfunk und Mobilfunknetzen. Dazu zur Funkausstellung mehr.
Nach den Erfahrungen mit UMTS sollten wir alle zurückhaltend sein, das wertvolle Frequenzspektrum den Mobilfunkbetreibern zu überlassen. Etwas mehr Selbstbewusstsein für Fernsehen und Radio kann nicht schaden.
Wenn allerdings das gegenwärtige Besitzstandsdenken weiter geht, wie es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgeprägt ist, aber auch bei manchen privaten Veranstaltern, dann fährt die Digitalisierung der Terrestrik gegen die Wand.
Noch einige Worte zum Kabel im Vergleich zu den anderen Übertragungstechnologien:
Wir hätten es viel einfacher, wenn wir bisher kein Kabel hätten, und es neu zu bauen wäre. Die Umstrukturierung einer Industrie ist viel schwieriger als der Neuaufbau.
Wir haben ein Kabel, das uns erfolgreich mit Fernsehen versorgt, das aber Strukturen hat, die aus einer ganz anderen Welt stammen, ohne Rückkanal, mit der Trennung der Netzebenen, mit einer Fragmentierung der Unternehmen.
Ich habe schon vor Jahren auf dem ANGA-Kongress dafür geworben, dass wir eine Konzentration auf wenige leistungsfähige Unternehmen brauchen. Die Unternehmen der Netzebene 4 haben das nicht geschafft.
Nun bekommen wir die viel größere Konzentration, dominiert von amerikanischen Investoren.
Aber auch sie haben es schwer, weil man eben nicht ohne weiteres amerikanische Modelle übertragen kann, weil man viel Geld verlieren kann, wenn man sich nicht auskennt oder die falschen Berater hat.
Wir können kein Interesse daran haben, dass das Kabel dort stehen bleibt, wo es heute ist.
Es ist die einzige Infrastruktur, mit der der Telekom Konkurrenz gemacht werden kann, beim Zugang zum Privatkunden.
Dann muss das aber auch geschehen, und wir erwarten entsprechende Zusicherungen von Liberty. Bei Kabel NRW und e-Kabel wissen wir das, auch wenn mancher Business-Plan nicht ganz so in die Realität wird umgesetzt werden können.
Ohne Veränderung der analogen Welt wird es nicht gehen, und wir müssen da auch unbequeme Wahrheiten aussprechen.
Wir haben dazu in der DLM ein Papier zum Analog-Digital-Übergang verabschiedet, das auch Szenarien der Einschränkung des analogen Empfangs vorsieht.
Und wir haben uns vorgenommen, in dem schwierigen Verhältnis zwischen Programmveranstaltern einerseits und Netzbetreibern andererseits zu Lösungen beizutragen, die das Kabel voranbringen.
Lassen Sie mich mit einigen Worten zur Aufgabe der Regulierung im Übergang von Analog nach Digital schließen.
Man kann nicht gegen den Markt regulieren, etwa Bedingungen festlegen, unter denen digitale Technologien nicht funktionieren können (diese Gefahr sehe ich bei DAB und DVB-T).
Regulierung hat die Aufgabe, dazu beizutragen, dass Märkte sich entwickeln.
Das heißt, den Wettbewerb der Übertragungswege zu fördern. Wir haben ein Interesse am Funktionieren des digitalen terrestrischen Fernsehen, auch des Satellitenfernsehens, als Gegenmacht zum Kabel und Herausforderung für dessen Leistungen.
Jeder digitale Übertragungsweg hat seine eigenen Charakteristika.
Und doch hängen alle zusammen: Das terrestrische Angebot wird an dem über Kabel und Satellit gemessen. Wenn es im Kabel neue attraktive Programme gegen Entgelt geben wird, dann wird dies nicht ohne Rückwirkungen auf das Satellitenangebot bleiben, weil große Teile der Bevölkerung schließlich nie verkabelt sein werden.
Wettbewerb ist um so wichtiger, als "digital" notwenig mit Konzentration verbunden ist. Alte Mechanismen wie die Trennung zwischen Netz und Nutzung funktionieren nicht mehr, Vertikalintegration tritt an deren Stelle. Die ist gerade am Kabel ein um so größeres Problem, je größer der Marktanteil ist und je mehr damit der Zugang anderer Veranstalter gesteuert werden kann.
Wir können nicht wesentliche Elemente unser bisherigen Struktur, wie die machtbegrenzenden Rolle der Wohnungswirtschaft, aufgeben, ohne dass neue Sicherungen an ihre Stelle treten.
Zwei zentrale Sicherungen haben wir Medienanstalten von Anfang an gefordert, schon in unseren ersten Eckwerten für die Erprobung und Einführung von digitalem Fernsehen, deren erste Fassung wir vor fast sechs Jahren vorgestellt haben.
Offene Technologien waren damals genauso eine zentrale Forderung wie der Verzicht auf die exklusive Kundenbeziehung.
Die Entwicklung hat gezeigt, dass digitales Fernsehen nur erfolgreich wird, wenn es diese Forderungen berücksichtigt.
Auch in der digitalen Welt geht es um mehr als wirtschaftlichen Wettbewerb, um die Entwicklung von Vielfalt und Kreativität.
Allein mit diskriminierungsfreiem Zugang lässt sich lokales und regionales Fernsehen so wenig sichern wie Chancen für neue Medienunternehmen.
Es reicht nicht aus, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Gegengewicht zu grenzenloser privater Macht zu haben.
Wir brauchen vielfältige Checks und Balances.
Und wir müssen die schwierige Balance schaffen, Analog zu reduzieren, aber dennoch dem Verbraucher ein begründetes Zutrauen zu geben, dass er mit Digital mehr bekommt, und dass es den Mehrpreis wert ist.
Die Verlagerung der Bundesliga ist ein schwieriger Akt, die Verschlüsselung der Fußballweltmeisterschaft ist ein anderer Punkt.
Für beides gibt es gute wirtschaftliche Gründe.
Wenn aber digitales Fernsehen mit "Teuer" und "Wegnehmen" identifiziert wird, haben wir alle ein Problem.
Weil wir zu langsam waren, nicht rechtzeitig neue Kabelstrukturen geschaffen haben, haben wir unsere Kabelnetze verloren.
Wenn wir beim Umstieg auf die Digitalisierung zu langsam sind, dann verlieren wir noch mehr: die Herrschaft über die Inhalte, die für unsere kulturelle Identität in Europa ausschlaggebend ist.
Unsere Erfolge in der analogen Kabel- und Satellitenverbreitung haben zu einer großartigen Ausweitung der deutschen Fernsehproduktion geführt. Wir wollen auch unsere Chancen im Internet nutzen, und in der Verbindung von Fernsehen und Internet.
Die Öffnung von Übertragungswegen schafft die Möglichkeit für neue Inhalte.
Daher müssen wir Krisen durchstehen und neue Wege öffnen.



