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Radiogipfel - Senderfamilien und Vielfalt mabb Fachtagung am 31.10.2005
Lothar Widert - mabb Fachtagung am 31.10.2005
1. Spaß, 2. Information und 3. Entspannung – das sind nach wie vor die entscheidenden Motive für die Nutzung des Radios. In der Konkurrenz zum Fernsehen, zur Tageszeitung, zu modernen Speichermedien und zum Internet hat das Radio seine außerordentliche Alltagsrelevanz als Tagesbegleiter bis heute behalten. Bemerkenswert ist, dass die Nutzungsmotive der Hörer auch heute immer noch gar nicht so sehr von den idealtypisch anmutenden Erwartungen des Bundesverfassungsgerichts und der Medien-Staatsverträge abweichen. Dort ist im Hinblick auf die Veranstaltung von Rundfunk stets von „Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung“ die Rede. Die
Akzentuierung hat sich freilich verschoben. Trotzdem zeigen die empirischen Befunde, dass bei allen Hörern von 30 Jahren an (und das ist der überwiegende Teil der Hörer) Nachrichten und aktuelle Informationen vor der Rezeption von Musik liegen .
Was bedeutet das vor dem Hintergrund einer mehr als ein Jahrzehnt um-fassenden Programmbeobachtung der privaten Radios in der Region Berlin-Brandenburg? Die gesetzlich normativ geforderte Unterhaltung bzw. das privat artikulierte Nutzungsmotiv Spaß und Entspannung sind beim Radio ja eher dem musikalischen Profil eines Programms zuzuordnen, daneben den Comedy-Elementen, der Moderation, den Senderakti-onen, Clubaktivitäten, den Gewinnspielen und Ähnlichem. Und auf diesem Gebiet haben es einige Programme durchaus zu einer beachtlichen Virtuosität gebracht.
Im Gegensatz dazu allerdings steht das, was die Information bzw. das journalistische Profil angeht. Da ist im Lauf der Jahre ein beispielloser Substanzverlust festzustellen. Die heute reichweitenstarken Sender in der Region sind fast alle nur noch ein Schatten ihres einst publizistisch verorteten Aufbruchs. Allerdings: Solche Sachverhalte entspringen ja nicht subversiven Absichten der Macher, sondern sind doch eher den Zwängen des wirtschaftlichen Überlebens geschuldet.
Was also geschieht, wenn Sender aufgrund dieser wirtschaftlichen Zwänge stärker kooperieren oder sich zusammenschließen?
Erste Annäherung an eine Antwort: Das musikalische Profil der einzelnen Programme unterliegt durchaus Veränderungen, (ganz markant ist das beispielsweise am Anteil deutschsprachiger Titel oder dem Anteil der gespielten Hits abzulesen).
Aber insgesamt gibt es aufgrund der Lizensierungsauflagen und auf-grund der Marktgesetze eine erstaunliche musikalische Vielfalt in der Region. Diese Vielfalt reicht vom aktuellen Pop über Oldies, Soft und Classic Pop bis zu Dance und Black music, zu Rock, Jazz und Klassik. Was bei den Privaten fehlt, ist die Dimension Schlager und volkstümliche Musik.
Die außenplurale musikalische Vielfalt ist stabil geblieben. In dieser E-bene haben wirtschaftliche Zwänge also kaum Schaden angerichtet. Deshalb ist einer größere wirtschaftliche Kooperation der Sender für die musikalische Ebene relativ unschädlich. Musik ist eins der wesentlichen Akzeptanzmittel, auch eins der wesentlichsten (wirtschaftlich vertretba-ren) Profilierungsmittel. Sich in dieser Ebene gleichzuschalten, grenzte an programmlichen Selbstmord und wird deshalb nicht stattfinden. Es ist möglicherweise sogar zu erwarten, dass die näher zusammenarbeitenden Sender sich genauer nebeneinander positionieren. Denn noch im-mer gilt (und die ma 2005 Radio II hat das wieder eindrucksvoll bestä-tigt): Radiohörer sind programmtreue Hörer. 62,2 Prozent hören täglich nach wie vor nur ein Programm, weitere 25,5 Prozent maximal zwei Programme.
Zweite Annäherung an eine Antwort auf die Frage, was geschieht, wenn Sender stärker kooperieren. Wie anders als in der musikalischen Ebene ist die Lage beim journalistischen Profil. Mehr als zehn Jahre Programmbeobachtung in der Region Berlin-Brandenburg zeigen, dass es nur noch wenige Nischenanbieter mit bescheidenen journalistischen Angeboten gibt. Alle reichweitenstarken privaten Programme sind (mit einer Ausnahme) konsequent informationsentleert worden.
Nur noch die Nachrichten bleiben sozusagen als Informationskern übrig. Die Nachrichten werden allerdings immer weniger rund um die Uhr ausgestrahlt. Und sie werden auch immer kürzer. Nur noch 7 der 14 zuletzt untersuchten Programme liefern mehr als 50 Minuten Nachrichten täglich. Also da noch von einer Informationsvielfalt zu reden, ist durchaus euphemistisch. Anders als in der musikalischen Ebenen wirken die Marktgesetze in der Informationsebene verheerend.
Die mabb hat diese Entwicklung nicht verhindern können. Sie darf die Programme nicht subventionieren. Sie kann allenfalls in Lizensierungsverfahren (was ja auch geschieht) deutlicher als früher programmliche Rahmenbedingungen setzen. Wenn also, im Gegensatz zur Prognose in der musikalischen Ebene, der Medienanstalt die Zustimmung zu einer Liberalisierung der Zusammenarbeit bei Vermarktung und Produktion bis hin zu gemeinsamen Funkhäusern abverlangt werden soll, dann darf dies nur unter klaren programmlichen Auflagen geschehen, um wenigstens einen Rest an Information zu erhalten. Beispielsweise (zunächst pauschal ausgedrückt): weiter voneinan-der unabhängige Redaktionen. Konkreter heißt das: unabhängig vonein-ander entstehende Nachrichten; keine weitere Reduzierung ihres Umfanges; eine zeitlich breiter über den Tag gestreute Ausstrahlung! Bei Vollprogrammen muss wieder eine 24stündige Abfolge gesichert werden usw.
Mit einem Wort: Die Informationsvielfalt, die rudimentär allenfalls noch in den Nachrichten existiert, muss künstlich gestützt und geschützt werden – und zwar durch klare Rahmenbedingungen. Nur auf diesem Wege sind Unterhaltung und Spaß auf der einen sowie ein Restwert an Infor-mation auf der anderen Seite beim privaten Hörfunk in der Region Berlin-Brandenburg zu erhalten.
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Bernt von zur Mühlen - „Tendenzen der Radioentwicklung- in Berlin-Brandenburg, national und international“
Sehr geehrte Damen und Herren,
es wäre einfältig über Radioentwicklungen – sei es in Berlin-Brandenburg, in Deutschland, Europa oder in der Welt zu reden , ohne einen Blick auf die anderen konkurrenziellen Medien zu werfen.
Nach wie vor wächst und dominiert überwältigend das bewegte Bild, ob als Kinofilm oder TV-Serie, als Nachrichten oder Spiele. Ob demnächst auf dem Handy, auf dem großen TV Schirm zu Hause oder von der DVD.
Alle Medientechnologien, Speicher-, und Datenübertragungsoptimierungen puschen diese Mega-Bild Dominanz.
Keinem Mediengerät der letzten 100 Jahre ist dabei das gelungen, was das Handy in diesem Medienschub geschafft hat: unwiederruflich weltweit das mediale Leitinstrument zu werden, mit allen konvergenten Ausprägungen, fit für Bilder, Videos und Töne.
Apropos Töne, dem Basisstoff der Radios. Zusätzliche Audiofunktionen des Handys oder des iPod Players marginalisieren das Radio als eigenständiges Medium.
Audio wächst nicht mehr in Form des UKW- Radios und seiner Programme, sondern in Form von Hörbüchern, Downloads, Internet-Radio, vorgelesenen Zeitungsartikeln, PodCasts und MP3 Playern. Die gute alte MA kann diesen Fragmentierungsprozess nicht abbilden, auch wenn immer noch ein Nutzungswachstum der Radioprogramme suggeriert wird.
Mobilfunk wächst, TV ob als Pay oder Free wächst, nicht aber Radio weltweit.
Das herkömmliche Radio verliert Schritt für Schritt die besser Gebildeten, die technisch Interessierten und werberelevanten Zielgruppen.
Vor diesen weltweiten schweren Herausforderungen stehen die kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Radiowelten.
Der Blick auf den Führungsmarkt USA zeigt, dass die kommerzielle Kraft der FM und auch AM Sender noch recht stark ist, zusammen kommen die Radios in den Staaten immer noch auf gute 12,6 % (2004) der Werbespendings, aber die Zeit der himmelstürmenden Renditen ist vorbei.
Der Disneykonzern hat einige seiner Radioketten verkauft, Clear Channel baut eben-falls um und Format-, oder Verkaufsinnovationen finden hier nicht mehr wie in den 80iger und 90iger Jahren statt.
Innovativ haben sich allerdings die digitalen Satellitenradios XM und Sirius etabliert, weil sie etwas ganz Neues gebracht haben. Sie bieten Pay-Radio mit jeweils über 100 Programmen im Abo an, teilweise sogar exklusive Programme und quer durch alle Genres. 9 Mio. Abonnenten gibt es bereits.
In enger Industriepartnerschaft mit nahezu allen führenden Automarken sind die neuen Endgeräte schnell eingeführt worden. 220 Mio. Autos in den USA sind ein
Riesen- Markt, die Hördauer im Auto groß.
Vorbildlich und nach wie vor inspirierend für eine notwendige Radiostrukturreform in Deutschland ist der vom FCC vorgegebene Lizenzierungsrahmen für Radiosender, der den parallelen Betreib von bis zu 8 Sendern in einer Eigentümerhand erlaubt.
Senderfamilien sind demzufolge die Regel. Da der Frequenzabstand bei UKW Sen-dern lediglich 400 KHz beträgt, ist eine sehr viel größere Anzahl von Radiosendern möglich ist, als in Deutschland.
In Europa hat die Liberalisierung nach dem Fall der Mauer in Osteuropa in erster Li-nie die früher staatlichen kommunistischen Sender privatisiert und dem kommerziellen Markt zugeführt. Das bedeutete einen Schub von ausländischem Kapital, meist aus den USA, Frankreich, England mit auch mit einer
kleinen Prise deutschem Geld.
In manchen osteuropäischen Staaten liegt das Radio-Werbegeld über dem in Deutschland. Frequenzen und Radiobetreibergesellschaften kann man ohne größere Beschränkungen kaufen und verkaufen.
In Westeuropa sind Frankreich und England für die heute hier auf dem Fachgespräch aufgeworfenen Fragestellungen am interessantesten.
Der französische Radiomarkt ist nach wie vor recht stabil, der Marktanteil liegt bei über 7 % Prozent und für die den privaten Radiomarkt dominierenden 3 Hauptgruppen, NRJ, Europe-Lagardere und RTL ist die Radiowelt zwar auch mit Problemen be-haftet, aber alle drei operieren jeweils als Senderfamilie und betreiben mindestens 3 oder 4 nationale Ketten, die in sich abgegrenzt formatiert und vielfältig sind.
Die nationale Abdeckung der Programme ist der Haupttreiber für die Stabilität des Radiosystems in Frankreich.
Bemerkenswert ist allerdings auch, dass alle Radiobetreiber für den Kapitalmarkt fungibel sind und damit die Frequenzen veräußerbar sind.
NRJ –erfolgreich an der Börse notiert - hat sehr interessant in den letzten Tagen von sich Reden gemacht hat, als es als erste Nur-Radio Gesellschaft in Europa in das Mobile-Telefon-Geschäft einsteigen ist. Ein ausgesprochen kluger Schritt, der zeigt, wie ein Radiounternehmen mit der großen Herausforderung Mobile-Telefonie umgehen kann.
Die Kraft des kommerziellen Radios in Frankreich zeigt sich auch daran, dass im Werbeverkaufsgeschäft 450 Personen beschäftigt sind, in Deutschland, mit seiner größeren Bevölkerung sind es lediglich 200 Personen.
In England hat die Fusion von GWR und Capital Radio einen großen Schub in der Konzentration gebracht. Die neue Gruppe kontrolliert zusammen 93 digitale Radios und „nur“ noch 55 analoge Radios.
Um Formatvielfalt im Digitalradio zu erreichen, können in England nur sogenannte DAB-Multiplexe beantragt werden, mit mindestens jeweils 8 Programmen.
Zusammen mit den Digitalprogrammen von BBC addieren sich die exklusiven Digital-radioprogramme in manchen Ballungsräumen auf bis 30 Programme. Das ist ein starkes Argument für den Nutzer. Und die Gerätehersteller und Medienmärkte freut es, sie verkaufen mehr DAB Geräte als UKW-Empfänger.
Bei soviel Innovation sind andere Probleme, z.B. hat in England die Online-Werbung die Radiowerbung in Summe überholt, oder die Tatsache, dass auch hier nicht mehr als 5 % des Werbemarktes vom Radio gestemmt wird, nachrangig.
In unserem Nachbarland Österreich ist vor kurzem medienrechtlich ermöglicht worden, dass Radiosender, die bereits eine Frequenzabdeckung von mindestens 50 % haben, sich zu einem nationalen Programm zusammen schliessen können.
Welches Zwischenfazit ist für die Betrachtung von USA und Europa- ohne Deutsch-land - zu ziehen:
1. Radio-Lizenzen sind weitgehend erwerbbar und veräußerbar.
2. Nationale kommerzielle Programme mit sehr unterschiedlichen Formaten do-minieren
3. Senderfamilien mit jeweils mindestens 3-4 Formaten national sind die Regel
4. Die Formate sind vielfältig, übergreifen alle Genres und Altersgruppen
5. In Frankreich darf kein Medieneigentümer in mehr als 2 Mediengattungen Be-sitz haben und die Summe der von ihm betriebenen Radioprogramme darf nicht mehr als 130 Mio Hörer / WHK überschreiten
5. Der kommerzielle Radiomarkt ist Teil eines fungiblen Kapitalgeschäft
Was nun Deutschland betrifft, so sehe ich für die kommerziellen Radios zusätzliche Barrieren und Schwierigkeiten. Zunächst ist die Behauptung, Radio habe doch gerade 2005 bewiesen, dass es erstarke - und man verweist auf die 20 % Werbesteigerun-gen, die höchsten aller Mediengattungen, - stark zu relativieren. Die Steigerungen sind Brutto, netto höchstens 2-3 % und wenn ich mir Berlin-Brandenburg anschaue, fand hier bisher 2005 ein Null-Wachstum statt. Dann kommt dazu, dass die Steigerung wesentlich zwei neuen Kombis in NRW zu schulden ist, keineswegs aus einem flächendeckenden Wachstum in ganz Deutschland. Radio bleibt also im schmalen 4 % Werbe-Korridor.
Dazu kommen folgende, deutschland-typische Bedrängnisse für das Radio:
1. Die Föderalismusfalle
Das Privatradio in Deutschland wurde in das Prokrustesbett des Föderalismus hineingeboren. Bürokratisch verordnet, nicht von einem Radiounternehmer erdacht, oder von den Hörern gewollt. Künstlich in Landesgrenzen eingesperrt, von vorneherein am nationalen Wachstum beschnitten.
Wenn Sendungen oder Moderatoren dieser sog. Landesweiten Radioprogramme qualitativ oben stehen, reicht die Kunde dieser frohen Medienbotschaft gerade mal an die Landesgrenze. Mehr ist nicht drin. Schon gar nicht ein nationaler Star oder eine nationale Radio-Sendung zu werden. Schnapp ist die Kommunikationsfalle zu. Ausgetrickst durch den Föderalismus. Verloren die Star Chance an das Leitmedium Fernsehen, Medienradiostar im Bundesland, Medienzwerg und Medien-Niemand in Deutsch-land.
Diese föderale Radio-Not währt nun schon so lange, dass man den eingesperrten Zustand schön redet und kommunikationstheoretisch überhöht: „Radio sei ein lokales Medium“ ist zu hören. Natürlich ist Radio ist auch lokal, auch regional, aber auch na-tional.
In Frankreich kombiniert das nationale ö.r. Programm von Radio Bleau lokale Fenster mit nationalem Programm. Also nicht entweder oder…sondern auch…
Das heißt, über lang oder kurz muss sich nationales Radio in Deutschland etablieren.
Dies betrifft das private System, aber auch das ö.r. Denn hier haben die beiden Radio-Systeme die Schalter für die Zukunft der Gattung gemeinsam in der Hand.
Ob zuerst als syndikierte nationale Sendungen auf verschiedenen Radiostationen, oder als echte nationale Marke. Ob durch wirtschaftliche Vernunft angestoßen, oder nicht, ob im Zusammenhang mit den noch zu erwartenden weiteren Zusammenschlüssen im privaten Radio- Bereich oder erst zeitlich abgeschlagen nach 2010, wenn die digitalen Audioverbreitungen in den Markt gezwungen worden sind.
Wenn Radio in Deutschland nicht national wird, hat Radio seine letzte große Wachstums-Chance verspielt. Dann wird es zu einem Medium verkommen, dass ähnlich begrenzt wirkt, wie ein lokaler WLAN Hotspot, nicht mehr und nicht weniger.
Nur nationale Radioprogramme – ob ö.r. oder privat – können in Deutschland zu einer Steigerung des bisherigen Marktanteils von Radio im Werbemarkt führen. Nichts anderes. Nur nationales Radio kann wegen seiner Größe und Reichweite – wie beschrieben für Frankreich – Zielgruppen adressieren und für den Werbemarkt attraktiv machen.
Eben weil alle anderen Medien, besonders das Leitmedium TV in all seinen Spielarten national buchbar ist. Einfach, praktisch, quadratisch gut und kein komplizierter Kombimechanismus wie im Radio.
Seit Jahren wird auch die wirkliche Situation der Lokalradios beschönigt. Wirtschaftlich arbeiten nur wenige in soliden schwarzen Zahlen. Auch in Bayern sind ca. 50 % der 60 Lokalradios in den roten Zahlen, der Zustand wäre noch dramatischer, wenn die aus dem Kabelgroschen finanzierte Förderung der Stationen wegfiele und sie frei und unsubventioniert sich im Wirtschaftsleben behaupten müssten.
Der weltweite Blick zeigt, es läuft immer auf das nationale hinaus.
2. Die Demografiefalle
A: Kinder
Die Privatradios operieren im Vermarktungskorridor 14 – 49. Wer unter 14 ist - und das sind schließlich Kinder und Jugendliche - existiert durch die Unbeweglichkeit der bisherigen MA Befragung und ihrer Verantwortlichen nicht. Deshalb auch keine Programmierung in diese Altersgruppe hinein, deshalb auch keine Musikpositionierung und Kreativität für diese Altersgruppe als Radio.
Wieder überlässt man dieses Feld dem TV, wo ganze Sender wie Super RTL von der Marktführerschaft ab 3 Jahren aufwärts gut leben.
Das oft gehörte Argument der Forscher, Kinder könnten nicht wiedergeben und sich erinnern, was sie hören, ist lächerlich.
Kindern mutet man ab 3 Jahren im Kindergarten und dann in der Schule ab 6 Jahren mit Recht täglich weitaus mehr intellektuelle Leistungen ab, als sich simpel daran zu erinnern, was man gehört hat.
Da es nichts Gescheites für diese Altersgruppe im Radio gibt, nehmen die unter 14-jährigen in Deutschland mit Recht Radio zunehmend als Gruftiemedium wahr und wandern in hellen Scharen zu anderen Medien ab. Warum sind hier andere Länder, wie Österreich, UK und Frankreich etwas weiter? Wenn Radio bei den 6 bis 14-jährigen nicht gemessen werden kann, und dies mit Einverständnis der Radiobetreiber, die schließlich in den MA-Gremien sitzen, wird jährlich ca.100 Mio Euro verschenkt und man entzieht das Radio als wichtiges Sozialisierungsinstrument einer ganzen Altersgruppe.
Die Radiomüdigkeit der jüngeren Hörer hat dramatisch zugenommen. Dies hätte aufgehalten oder verlangsamt werden können, wenn sowohl die ö.r. als auch die pri-vaten Radios konsequent an nationalen Ketten in diesem Genre gearbeitet hätten. Warum gibt es in Bayern kein Jugendradio?
Dass gleichzeitig das private Radio in Deutschland – ganz im Gegensatz zu den USA, UK oder Frankreich – auch noch eine andere Hörer-Gruppe abgemeiert hat, nämlich die 50 plus Hörer, ist der dialektische Nebenfehler.
War der Ausstieg von RPR 2 zugunsten der Jugendwelle BIG fm richtig oder falsch? Wer hat mehr Geld zur Verfügung? Die Silver Ager oder die 18-jährigen? Wer ist der treuere Hörer? Die jungen oder die älteren? Warum auch hier dem TV alles überlas-sen, den Plattenfirmen und den öffentlich-rechtlichen?
Aber das fällt wohl in das Kapitel bei den Kommerziellen Radios „ Recht auf Irrtum“…
3. 2. Die Digitalfalle
In Deutschland lässt sich das analoge Radio gerade von einer digitalen TV Welt ein-kesseln und auch durch die Smartphones und anderen digitalen hybriden Endgeräte zur Seite schieben. All is digital – but not Radio.
Ob DVBT, DVB-H, DMB, in allen digitalen Übertragungstechniken hat das TV, das bewegte Bild die Führung, der Ton, das Radio wird mitgenommen, auf dem Beifahrersitz.
Während in den USA – wie gezeigt - sogar digitales PayRadio ohne Werbung per Satellit boomt verharrt Deutschland – auch wieder durch den Lizenzföderalismus behindert - unkreativ in der analogen Welt von gestern. Im Mai nächsten Jahres findet in Genf die sogenannte Nachfolgekonferenz Stockholm statt. Da wird die digitale Landkarte für die Radios in Europa entschieden.
Haben die hier versammelten GF der Radios in BB dazu eine Strategie, kennen Sie die Tagesordnung?
Was passiert, wenn Telkos, die Automobilindustrie oder Venture-Capital Häuser wie Veronis Suhler Stevenson, das gerade bei der Berliner Zeitung eingestiegen ist auf die Idee kommen, nationale digitale Radioprogramme aufzulegen und die bisherigen Eigentümergruppen der analogen Radiowelt überhaupt nicht mehr mitspielen…?
In diesem Szenario wird eine weitere Achillesferse der bisherigen Radiobetreiber deutlich: sie haben u.U. nicht die finanziellen Mittel, um z.B. bei DMB mit großen 2-stelligen Millionenbeträgen ins Invest einzusteigen und dann noch mehrere Jahre zu finanzieren, bis der Return on Invest da ist.
Wer glaubt, Telkos könnten kein Radio machen, irrt. Der Content liegt zwar nicht auf der Strasse, aber ist billig zu haben, die Ingredienzien für Format Radios sind absolut ungeschützt, leicht nachzumachen und arbeitslose Radioleute gibt es genug. Und den Übertragungsweg bringen die Telkos gleich selbst mit.
Auch Automobilkonzerne könnten Radioformate labeln und in ihren Autos anbieten. Warum nicht BMW Rock, BMW News, Mercedes Country und Nissan Klassik? Herstellen können das ja andere, in irgendeiner Garage.
Es besteht also die Gefahr für die bisherigen Radiobetreiber, dass sie außerhalb der UKW Welt in den neuen strategischen Audiofeldern von anderen ausgebremst werden.
4. Die iPod Falle
Das waren noch gute Zeiten, als der simple Zusatz, die einfache Positionierung „der Musiksender“ o.ä. vor knapp 15 Jahren eine Alleinstellung im Radiomarkt war.
Heute – durch die Föderalismusfalle verstärkt – sind alle privaten Radioprogramme mit Begriffsbausteinen wie „das Beste““70iger““achtziger““vonheute““gestern“ verpackt. Alles sind AC-Formate, andere Formate sind im wesentlichen abgeschafft.
Die Ubiquität von Musik wird von den iPods, dem Internet und anderen MP3 Playern verwirklicht, nicht mehr vom kommerziellen Radio. Um diese Alleinstellung entkleidet, könnte der Neu-Angriff der Radios in einer neuen Fragmentierung von Musikstilen liegen, aber woher die dafür notwendigen Frequenzen nehmen? Und wer von den großen landesweiten Sendern würde sich trauen, das HotAC zu verlassen…
Die Musiktankstellen der iPods werden zahlreicher, billiger, überall anzapfbar. Die PodCast Welle, die langsam aber stetig anrollt, die sowohl aus Bürgern, Reporter und Sender macht, als auch Plattformen hervorbringen wird, auf denen man sich in einer ungeahnten Formatvielfalt im Aboverfahren automatisiert Musik, News, Features, etc. herunterladen kann, verbreitert den Angriff auf das linear vor sich hinsendende Ra-dio.
Das zeitsouveräne Hören, das durch Downlowden und PodCasting begonnen wurde, wird eine neue Anspruchshaltung beim Radiohörer entwickeln, die sich wie im TV nicht mehr vorschreiben lassen wird, wann was und wie zu hören ist. Wenn schon die heilige ARD-Tagesschau um 20:00 als Download von Jugendlichen zum zeitsouveränen Nachrichtenkonsum umfunktioniert wird, dann wird das ganze Ausmaß dieser Rezeptionsrevolution deutlich.….
Wer von den Jüngeren in der U-Bahn oder S-Bahn z.B. hier in Berlin einen Knopf im Ohr hat, hört nicht wirklich Radio – man hört CDs oder iPod, die anderen Download-songs oder telefoniert. Jetzt könnte man ja die PodCaster strategisch umarmen – auch eine mögliche Taktik der Radios.
Doch wer traut sich hier Geschäftsmodelle zu entwickeln?
5. Die Methoden-, und Kreativitätsfalle
Wenn wenige Radios Musikresearch machen, führt es zum Wettbewerbsvorteil.
Wenn alle Musikresearch machen und nur noch zwei, drei Methodenschulen den
Programmbeeinflussenden Research bestimmen, lauscht ganz Radio Deutschland auf das geheimnissvolle Geräusch. Wenn ganz Deutschland nur noch Bohlen-Songs hören würde, wäre Bohlen erfolgreich, nicht aber die Radiobranche….
Methoden sind Werkzeuge, nicht die Inszenierung selbst. Noch kein Inhalt. Ein Bühnenbild macht noch kein Theaterstück. Nur Peymann, Jelinek oder Schiller wäre langweilig. Wenn nur noch zwei Denkschulen, die deutschen Radios beherrschen, sollte irgendwer eine neue Denkschule etablieren.
Diese Art Marktforschung ist, wie der Medienforscher Schürmanns richtig anmerkt, der natürliche Feind der Kreativität, diese Art Forschung spürt keine neuen Bedürfnisse der Hörer auf oder weckt sie…
Die ermüdende Konzentration bei den kommerziellen Radios auf AC Formate hat in erschreckender Weise auch grundsätzliche Radio-Handwerklichkeiten gekillt. Wer hat noch gute Reporter in seinen Teams, wer gut ausgebildete Nachrichtenjournalisten und wer lässt seine Moderatoren wirklich von der Kette und lässt sie nicht nur Liner-Cards lesen. Die kommerziellen Radios sind als Reservoir für kreative Radioleute ausgefallen.
6. Die Kosten-, und Gesellschafterfalle
Seit dem Jahr 2000 hat sich in allen kommerziellen Radiotypen – ob landesweit regionale oder lokal die Kostenseite dramatisch verschärft.
Hier in Berlin-Brandenburg arbeiten von 14 Radiostationen nur 7 profitabel. Wesentliche Kosteneinsparungen wie z.B. die Absenkung der Sendernetzkosten sind für alle privaten Sender in Deutschland wichtig und der gemeinsam von Regiocast und RTL betriebene Aufbau einer gemeinsamen Sendernetzgesellschaft „Deutsche Rundfunk-technik“ ist deshalb ein sehr guter Schritt.
Das Zusammenlegen von Senderstrukturen, gemeinsam genutzten Diensten, Funkhausmodellen muss rascher vollzogen werden, weil nicht Kostenoptimierung lizenziert wird, sondern Programme.
Was bei Arztpraxen und Rechtsanwälten möglich ist, sollten Radios, vor allen Dingen kleinere, auch nutzen.
Radiosender brauchen vor dem Hintergrund der bisher aufgeführten massiven Probleme des Mediums, starke Gesellschafter, die auch mal finanziell etwas aushalten können.
Viele Radiogruppen leben aktuell in der Gefahr, dass ihre Mutterhäuser Radio nicht oder nur wenig interessiert. Abzulesen daran, dass es in der Führung keine Radiovorstände gibt, ein begabter Chefredakteur das nebenher mit lenkt, oder kleine Mittel-ständler Einzelgesellschafter sind, die dringend eine Gewinnausschüttung jährlich brauchen und nicht für Investitionen zu haben sind.
Wenn die Gewinne der Radios an die Medienholdings abgeführt werden müssen, oder der kleine Mittelständler bedient werden muss, packt sich die Gattung kommerzielles Radio ein schwerwiegendes Problem auf.
Wo liegen nun die Lösungsfelder für das stark blockierte Medium Radio?
Was ist speziell für Berlin-Brandenburg anzumerken?
Gerade die jetzige Phase der Radioindustrie mit seinen großen Herausforderungen muss frisches Geld einsetzen, für neue Programme, die Ausbildung des Nachwuchs, Investitionen in neue Technologien, das digitale Radio, aber auch Zukäufe von weiteren Radios in Deutschland, weil das Problem in Deutschland für das Radio nicht lautet: wir haben zu wenig Gesellschafter, sondern das Problem lautet, wir haben zu viele Gesellschafter und die operativen Radiogruppen brauchen mehr Programme, mehr Reichweite um ökonomischer zu arbeiten.
Die in den meisten anderen EU-Staaten selbstverständlichen Bewegungsräume für das kommerzielle Radio sind ausgerechnet im größten Werbemarkt Deutschland nicht gegeben, während gleichzeitig das machtvolle Leitmedium TV seit dem Beginn des privaten Rundfunk - und Fernsehens 1984 alle föderalen Beschränkungen zur Seite wischen konnte.
Während in manchen Bundesländern ein Mehrheitswechsel oder Formatwechsel beim Radio in einer laufenden Lizenzperiode zur Neuausschreibung führen kann,
sind im machtvollen TV Bereich bereits mehrmals operative Übernahmen und Mehrheitswechsel von Kartellamt, Medienanstalten, KEK etc. durchgewinkt worden.
Format - Änderungen spielen im TV überhaupt keine Rolle.
Das Medium TV startete vor 21 Jahren auch föderal beschränkt, befreite sich aber sehr schnell von den Fesseln und wurde rasch zum nationalen Medium, weil der Glücksfall der Kabelverbreitung gegeben war.
Daraus folgt, dass das Medium kommerzielles Radio mit den Möglichkeiten des TV gleichgestellt werden muss und die Landesmediengesetze so novelliert werden sollten, dass der Mehrheitliche Einstieg in Radiolizenzgesellschaften ermöglicht werden sollte ohne dann die Gefahr einer Neuausschreibung zu provozieren.
Das kommerzielle Radio in Deutschland braucht nicht in erster Linie weitere UKW Frequenzen, z.B. aus den Beständen der öffentlich-rechtlichen, sondern es braucht die Möglichkeit, die unübersichtlich verknäulte Eigentümerstruktur drastisch zu ver-einfachen. Das programmliche Vielfaltsgebot regelt sich dann von selbst. Je mehr Lizenzen ein Unternehmen in einem Markt betreibt, um so mehr inhaltliche und programmliche Vielfalt wird er herstellen. FFH betreibt in diesem Sinne in Hessen Planet Radio und Harmony FM, gut abgestimmt und abgegrenzt von dem HOT-AC Sender FFH.
Senderfamilien allerdings, die hintenrum und ohne öffentlichen Einblick entstehen, sind kontraproduktiv.
Damit Senderfamilien nicht intransparent und gegen die Bestimmungen entstehen, sollte hier mit einer bundesweiten Erfassung / einem öffentlich im Internet einsehbarem Lizenz-Kataster aller Eigentumsverhältnisse im kommerziellen Radio begonnen werden, auf Lizenzebene, Vermarktungsgesellschaften, Holdings, etc.
Senderfamilien müssten im Hinblick auf Lizenzrecht, Betriebswirtschaft, Vermarktung von allen Medienanstalten bundesweit für eine einheitliche zukünftige Anwendung definiert werden.
Als Handlungsmaxime für die Medienanstalten für die Beurteilung und Erlaubnis von Senderfamilien könnte ja denkbar sein, dass Senderfamilienbildungen dann erlaubt werden, wenn glasklar damit Verpflichtungen einhergehen, präzise definierte Vielfaltsformate verbindlich für den gleichen Eigentümer im gleichen Sendegebiet fest-zuschreiben. Auch mit der dann verbundenen Gefahr für den Betreiber, dass er die Lizenz verliert, oder sie nicht verlängert wird, wenn er wesentliche Formatänderungen durchführt.
Allerdings ist die spannende Frage, ob zum Beispiel in zwei Senderfamilien im gleichen Sendegebiet, jeweils der Erstsender, das Flaggschiff automatisch mit einem AC Format erlaubt werden sollte, oder auch andere Varianten denkbar sind.
Bei Lizensierungen sollten Kriterien wie das Verhältnis von Wort zu Musik oder Vollprogramm / Spartenprogramm fallengelassen werden und nur noch der Vielfaltsaspekt und Formate als Ganzes erörtert werden. Unabhängige Fachgremien können hier vielleicht helfen.
Hilfreich, vielleicht sogar unabdingbar sind auch crossmediale Regelungen, wie in Frankreich oder den USA , nämlich in nicht mehr als 2 Medien tätig zu sein oder die entsprechende Begrenzungen zu definieren.
Meine Damen und Herren,
Radio ist stark blockiert, aber noch zu retten.

