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#MCB19: Viel Hetze – aber wenig Hetzer: So verbessern wir das Netz

4. Juni 2019


Üble Beleidigungen, rassistische und diskriminierende Kommentare, verbotene Symbole aus der Zeit des Nationalsozialismus, falsche Behauptungen und Hetze: Das Internet scheint längst nicht mehr der offene Raum zu sein, der alle auf freundschaftlich-konstruktive Art verbindet und Wissen für alle zugänglich macht. Wer sich aber mit der Thematik näher auseinandersetzt, schöpft Hoffnung. Das war zumindest ein Ergebnis bei der MEDIA CONVENTION 2019 in Berlin. Dort gab Dr. Alexandra Borchardt, Director of Leadership Programmes beim Reuters Institute in Oxford, einige beruhigende Einblicke: „Es gibt viel zivilisierten Dialog im Netz. Man sollte das Publikum nicht unterschätzen“, sagt sie. Tatsächlich sähen nur wenige Nutzer Fake News, und noch weniger teilten sie.

Alexandra Borchardt: Warum das Netz schlechter scheint, als es ist
  • Pöbelei gab es schon immer. Die sozialen Medien haben jedoch einen Lautsprecher-Effekt durch ihre ökonomische Logik: Was beispielsweise viele liken, wird mehr Menschen angezeigt.
  • Durch die Netzwerke spricht sich ein Schaden schneller herum als in der Offlinewelt.
  • Es gibt einen Information Overload: Profane Dinge ersticken Politisches.


Auch Markus Heidmeier, Co-Gründer und -Geschäftsführer der Medienproduktionsfirma Kooperative Berlin, hat gute Nachrichten. Er hat während seiner Recherche zur „Funk“-Dokumentation „Lösch dich“ herausgefunden, dass der organisierte Hass, so groß er scheint, von nur etwa 4000 bis 6000 Menschen kommt. „Ich glaube, in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Situation nicht verschlechtert“, sagt er. „Nehmen wir jedoch die vergangenen 25 Jahre, sehen wir, dass unsere Wahrnehmung sich eben auch verändert hat.“ Teresa Bücker, ehemalige Chefredakteurin von Edition F, hält den Hass an sich ebenfalls nicht für ein neues Phänomen: „Feministinnen oder People of Color kennen das schon lange“, sagt sie. Neu sei allerdings, dass er sich nun gegen jedermann und jedefrau richten kann.

Was Redaktionen für ein besseres Internet tun können
Trotz aller Diskussionen um Fake News oder vielleicht auch gerade deswegen: In Deutschland sei das Vertrauen in Nachrichten und Journalisten höher als das in Suchmaschinen und Social Media, sagt Alexandra Borchardt. Das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann, „indem man als Journalist guten und vielfältigen Journalismus macht“ – und so durch seine Arbeit überzeugt. Ein weiterer Tipp kommt von Teresa Bücker: „Warum reden wir soviel über Hass?“, fragt sie. „Wo sind eigentlich die anderen Themen?“ Sie fordert die Kolleginnen und Kollegen dazu auf, mehr zu den Themen „vielfältige Gesellschaft“ und „Solidarität“ zu publizieren.

Außerdem spiele die redaktionseigene Kommunikationskultur eine wesentliche Rolle: Auf Edition F beispielsweise gibt es nämlich keine Hasskommentare: „Wir kommunizieren auf Augenhöhe mit den Nutzerinnen und Nutzern, und wir binden sie regelmäßig in unsere Arbeit ein. Der Dialog ist wichtig“, sagt Bücker. Denn so vermeide man auch Hasskommentare. Markus Heidmeier hält es genau darum für falsch, die Kommentarfunktionen einfach abzuschalten, das habe mit Wertschätzung des Publikums nichts zu tun, sagt er. Außerdem lasse sich so weder eine Markenbildung noch eine Kundenbindung aufbauen. Sein Rat: Als Medienhaus ins Community Management investieren – man braucht dort ausreichend und vor allem auch resiliente Mitarbeiter, um die Kommentare zu moderieren. Das sei alleine deswegen wichtig, weil die Zeit vorbei sei, in der Medienhäuser nur senden. „Es geht also auch um das journalistische Selbstverständnis. Ist nicht auch ein Teil davon ein wechselseitiges Verhältnis mit dem Publikum: Wir haben Informationen – habt Ihr Ergänzungen?“, sagt er.

Ähnlich äußert sich Teresa Bücker: „Einige Bürger bemängeln, dass sie sich in den Medien nicht mehr wiederfinden. Medien werden als Elite wahrgenommen, die sich von den Leserinnen und Lesern entfremden.“ Hinzu komme, dass die Befragten das, was berichtet wird, völlig anders wahrnehmen. Um Vertrauen zurückzugewinnen, sollten Redaktionen auf Vielfalt setzen und heterogener werden. Außerdem sollten Journalistinnen und Journalisten ihren Beruf besser erklären, mehr über Positives berichten und vor allem auch den Lokaljournalismus stärken.

Was der Staat für eine bessere Netzkultur machen kann
Zusätzlich brauche es allerdings eine Regulierung aus der Politik, so Alexandra Borchardt. „Wo keine Regeln sind, herrscht Anarchie“, sagt sie. „Demokratie benötigt Regeln“ – und die gibt es in vielen Bereichen: Verkehrsregeln beschränken zwar vielleicht die Freiheit von Autofahrern, schützen aber möglicherweise die Umwelt und Fußgänger. Raucherbereiche schützen Nichtraucher – auch wenn sie Raucher in ihrer Freiheit beschränken. Darum sind politische Lösungen wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz nur eine logische Konsequenz für das Internet. Das NetzDG, wie es kurz genannt wird, soll vor Hasskriminalität in sozialen Netzwerken schützen. Trotz Meinungsfreiheit darf man eben andere Mitglieder der Gesellschaft nicht ungestraft beleidigen oder bedrohen. „Das Problem ist: Die digitale Welt ist schnell, Demokratie ist langsam“, sagt Borchardt. Darum müsse man mehr nach dem System „Versuch und Irrtum“ handeln, also beispielsweise ein NetzDG schaffen – es aber auch ständig an die aktuelle Situation anpassen.

„Ich glaube, man braucht verschieden Ansatzpunkte“, sagt Dr. Marco Holtz, stellvertretender Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. „Das NetzDG hat auch viele Probleme. Wichtig sind für uns die Themen Staatsferne und die Länderkompetenz. Letztlich wird die Durchsetzung des NetzDG überwacht durch eine Bundesbehörde, das Bundesamt für Justiz. Und das ist sozusagen das Gegenteil von Staatsferne. Wir als Landesmedienanstalt meinen, dass man da nachbessern müsste.“ Gerade bei Hate Speech habe man selbst als Medienanstalt gute Möglichkeiten zu handeln: „Wir reden hier oft über strafbare Handlungen“, sagt Holtz. „Wer Hakenkreuze postet oder Morddrohungen ausspricht in Kommentarspalten oder sonst wo im Internet, der hat Konsequenzen zu befürchten“, so Holtz. Denn wenn man zeigen könne, dass jemand wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil er Hakenkreuze gepostet hat, spreche sich das auch in der Szene herum. „Für uns ist der Hebel in erster Linie der Jugendschutz und der Schutz der Menschenwürde. Das ist letztlich ein arbeitsteiliges Vorgehen mit der Staatsanwaltschaft. Wir als Medienanstalt können solche Angebote untersagen, Beanstandungen aussprechen, auch mit Zwangsgeldern, und Angebote stilllegen. Außerdem können wir Bußgelder verhängen und damit - wie auch die Strafverfolgungsbehörden auf Abschreckung setzen.“

Anders sehe es bei Fake News aus: Schließlich könne die Behörde keine „umfassende Richtigkeitskontrolle“ im Internet leisten. Hier appelliere man an die Eigenverantwortung der Unternehmen, Lösungen zu finden. Aber auch an den Gesetzgeber: Derzeit können die Medienanstalten die Einhaltung journalistischer Standards nur bei TV- und Radiounternehmen kontrollieren. Diese Kompetenzen sollten auf Internetangebote ausgedehnt werden. Darüber hinaus sollten die Auskunftsrechte der Landesmedienanstalten gegen Plattformen gestärkt und vereinfacht werden.

Verfolgen statt nur Löschen

Die Landesanstalt für Medien NRW hat die Initiative „Verfolgen statt nur Löschen“ gestartet, die gemeinsam mit Medienunternehmen, daran arbeitet, die Kommentarspalten in den Griff zu bekommen. Dazu wurde eine engere Zusammenarbeit Polizei und Staatsanwaltschaft vereinbart. Dadurch können die Redaktionen schnell eine standardisierte Strafanzeige stellen, die per E-Mail versendet wird. So sind idealerweise auch schnell Konsequenzen möglich. Die mabb plant ein ähnliches Projekt.


Regulierung ist auch Symptombekämpfung: „Gelöschte Hasskommentare oder geblockte User verschwinden vielleicht für einen Moment“, sagt Teresa Bücker. „Aber die Person, die das geschrieben hat, denkt das noch immer und legt sich im Zweifel einen zweiten Account an.“ Darum müsse man eine gesellschaftliche Debatte führen und sich fragen, woher der Hass eigentlich kommt, und warum er sich auf manche Themen so massiv entlädt. Und bei diesem Punkt kann jeder bei sich selbst ansetzen.

Was du und ich für ein besseres Internet machen können
Warum diskutieren wir eigentlich soviel über Hass und geben ihm soviel Raum? Teresa Bücker hat sich selbst zum Ziel gesetzt, mehr positive Dinge zu teilen – und das kann natürlich jeder Internetnutzer ebenso machen. „Macht Euch klar, über welche Themen Ihr debattieren wollt. Was sind Zukunftsthemen? Was sind wichtige Fragen, die gelöst werden müssen?“, fragt sie. Letztlich sei es nur ein Prozent der Internetnutzer, das aggressiv und voll Hass sei. Aber viele kluge Leute würden sich eben an den Diskussionen nicht beteiligen. Das Bild könnte sich wenden, wenn sie mitdiskutierten.

In die gleiche Richtung geht ein Rat von Alexandra Borchardt: „Wenn die Technologien der Plattformen zu langsam sind, beispielsweise Tötungsvideos schnell zu löschen, sollten wir sie einfach nicht anschauen.“ Schließlich erhöht jedes Anschauen die Reichweite und sorgt dafür, dass das Video vom Algorithmus als wichtig bewertet und darum noch mehr Internetnutzern angezeigt wird. Borchardt weist außerdem darauf hin, dass ältere Nutzer empfänglicher für Fake News seien und diese häufiger teilten als junge. Konsequenterweise lautet ihre Forderung darum: „Es muss auch Medienbildung für ältere Generationen geben, nicht nur für die Jungen.“ Dazu allerdings müssen die älteren Internetnutzer auch ein Interesse daran haben, gebildet zu werden.

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